Wer zahlt Reha nach Schlaganfall

Die Zeit danach
Wer organisiert und zahlt die Reha?



Wir wissen heute, dass das Gehirn sich auch nach einem schweren Schaden wieder regenerieren kann. Unter „Neuroplastizität“ verstehen wir die Fähigkeit des Gehirns, auf funktionelle Veränderun-gen zu reagieren und zuvor ungenutzte Nervenverbindungen zu aktivieren. Von alleine funktioniert das allerdings nicht. Wer durch einen Schlaganfall Tätigkeiten wie Gehen, Stehen, Schlucken oder Sprechen verlernt hat, muss das alles wieder neu erlernen. Deshalb muss nach der Akutbehandlung des Schlaganfalls sofort die Rehabilitation einsetzen. Nur so kann der Betroffene in die Lage versetzt werden, auch nach dem Schlaganfall ein weitgehend „normales“ und selbstbestimmtes Leben zu füh-ren. Über die Möglichkeiten und Probleme der Rehabilitation sprach Werner Waldmann mit Hubert Seiter, dem Ersten Direktor der Rentenversicherung Baden-Württemberg. Nebenbei: Seiter ist nicht nur ein Spezialist in Sachen Reha. Prävention ist ihm ebenso ein Anliegen – sogar ein noch größeres, denn Prävention kann Reha vermeiden!


Herr Seiter, wer ist denn nun für die Reha zuständig: die Krankenkassen oder die Deutsche Rentenversicherung?
Hubert Seiter: Grundsätzlich ist die Rentenversicherung immer dann zuständig, wenn jemand noch im Erwerbsleben steht, der Verbleib im Erwerbsleben allerdings aus gesundheitlichen Gründen erheblich gefährdet ist und durch Reha-Maßnahmen die Erwerbsfähigkeit (zumindest teilweise) erhal-ten werden kann. Bei älteren Menschen, die nicht mehr arbeiten, also bereits Rente beziehen und bei denen es darum geht, Pflege zu vermeiden oder wenigstens Pflegestufen zu verringern, ist die Kran-kenversicherung in der Pflicht. In neurologischen Fällen – auch bei Erwerbstätigen – ist die Krankenkasse für die Akutbehandlung und die frühe Rehabilitationsphase zuständig. In diesem Stadium muss man abwarten, wie sich der Zustand des Patienten stabilisieren und bessern lässt, damit er wieder arbeiten kann. Die spätere Reha-Phase, die dem Betroffenen helfen soll, wieder seine früheren Fertigkeiten zurückzugewinnen oder zu kompensieren, also etwa mit seiner halbseitigen Lähmung oder seinem Sprachproblem um-gehen zu können – das ist dann die klassische medizinische oder auch berufliche Reha durch uns.

Wie schätzen Sie die Qualität der Versorgung mit Stroke-Units in Baden-Württemberg ein?
Hubert Seiter: Die Einrichtung der Stroke-Units war eine gute Idee. Sie hat eine deutliche Ver-besserung in der Behandlung des Schlaganfalls bewirkt. Da wird wirklich gute Arbeit geleistet und den Patienten sehr geholfen. Mich bewegt eher die Frage, was danach passiert? Ich habe den Eindruck, dass es mit dem umgehenden Wechsel von Schlaganfallpatienten in die Früh-Reha hapert. Und das wäre ein großes Problem, denn die Stroke-Units erhalten das Leben, aber die Reha sorgt für die Le-bensqualität! Ich fürchte, dass einige Patienten nach ihrer Entlassung aus der Stroke-Unit in der Kurz-zeitpflege verschwinden und dann möglicherweise unrehabilitiert wieder in ihrer häuslichen Umge-bung aufschlagen. Was fehlt, sind hier hieb- und stichfeste Zahlen, die phasen- bzw. sektorenüber-greifend dokumentieren, was mit den Schlaganfallpatienten zur Reintegration in Gesellschaft und Be-ruf geschieht.

Und was passiert mit älteren oder betagten Patienten?
Hubert Seiter: Die werden nicht selten in der Kurzzeitpflege geparkt, bis sich ein Reha-Platz fin-det – mit der Konsequenz, das wertvolle Zeit verloren geht. Es wäre sicherlich eine Untersuchung wert, einmal beim Sozialdienst der Stroke-Units nachzufragen, mit welchem Erfolg die Mitarbeiter für einen beispielsweise 80-jährigen Menschen nach Schlaganfall kurzfristig einen Platz in einer qualifizier-ten Reha-Einrichtung finden. Ob sie das überhaupt machen oder wegen der geringen Aussichten lie-ber gleich sein lassen. Vielleicht werden die Betroffenen auch gleich in die häusliche Umgebung ge-schickt mit dem Hinweis, sich Pflegeunterstützung zu suchen. Ich habe den Eindruck – wie offensichtlich auch Frau Sozialministerin Altpeter –, dass bei dem Thema „Rehabilitation und „aktivierende Pflege“, gerade bei älteren Menschen noch Luft nach oben ist.

Und wie verfährt die Rentenversicherung mit ihren Reha-Kandidaten?
Hubert Seiter: Innerhalb von maximal 14 Tagen haben wir alle unsere Fälle in der Reha unterge-bracht. Der Sozialdienst im Krankenhaus informiert uns, sobald eine Reha ansteht. Dafür haben wir ein Eilverfahren etabliert: Wir klären den Aufnahmetermin ab und suchen die Reha-Einrichtung her-aus. Dabei beachten wir weitestgehend die Erwartungen oder die Wünsche der Betroffenen. Und wenn uns eine Reha-Klinik 20 Tage lang warten lässt, gehen wir auf sie zu und sagen: Wenn das nicht besser wird, suchen wir uns einen anderen Vertragspartner.

Und in Ihren Reha-Einrichtungen?
Hubert Seiter: Dort läuft das nach mit uns abgestimmte Konzept ähnlich: Ein Schlaganfallpatient, der noch im erwerbsfähigen Alter ist, kommt innerhalb von maximal 14 Tagen in die medizinische Reha. Während dieser Reha wird schon nach der beruflichen Perspektive geschaut: Was kann er noch, was kann er mit Sicherheit nicht mehr? In der medizinischen Reha wird dann auch angeregt, möglicherweise eine berufliche Reha, eine Umschulung anzuschließen. Wir sind sehr daran interes-siert, die Menschen schnell ganz oder auch teilweise wieder in Arbeit zu bringen und sie nicht aus Nachlässigkeit zu Frührentnern zu machen. Diese Anstrengung lohnt sich für alle: Für die Rentenver-sicherung, die Krankenversicherung, für Staat und Gesellschaft und vor allem für die betroffenen Menschen selbst.

Sie sind ja eigentlich für Rehabilitation zuständig. Wie stehen Sie zur Prävention?
Hubert Seiter: Prävention sehe ich als wichtiges Angebot, um Schlimmeres zu vermeiden – nach dem Grundsatz: Prävention vor Reha und Reha vor Rente. Deswegen bieten wir in Baden-Württemberg „freiwillig“ Präventionsmaßnahmen an – nicht widerwillig, sondern aus Überzeugung, weil diese frühzeitige Intervention eine lohnende Investition ist.

Haben Sie Erfahrungen, wie das angenommen wird?
Hubert Seiter: Zunehmend besser. Denn mittlerweile halten nicht nur die Kostenträger, die sich damit möglicherweise den Supergau Reha oder Rente) ersparen wollen, Prävention für wichtig. Auch immer mehr Arbeitgeber haben Interesse an präventiven Maßnahmen im Betrieb, weil sie merken, dass sie keinen Ersatz bekommen, wenn ein Arbeitnehmer einmal ausfällt. Und vor allem die Arbeit-nehmer sehen, dass es gut ist, sich rechtzeitig auf gesundheitsfördernde Maßnahmen einzulassen, denn eine Minirente reicht ja nicht zum Leben. Wenn man diese Interessen bündeln kann und Ange-bote hat, die auf relativ einfache und damit auch kostengünstige Art und Weise Risikofaktoren ins Visier nehmen (also nicht erst wartet, bis ein Schlaganfall oder Herzinfarkt auftritt, sondern vorher schon aktiv wird), dann haben wir es geschafft. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind viel mehr an sol-chen Maßnahmen interessiert als noch vor ein paar Jahren.
Große Betriebe wissen schon länger, wie wichtig das ist, und machen da auch mit. Jetzt geht es darum, insbesondere die kleinen und mittleren Betriebe für Prävention zu gewinnen. Das versuchen wir jetzt über die Innungen, die Handwerkskammern und Handwerkerfrauen zu erreichen. Denn die Frau des Handwerkers kümmert sich um das soziale und ökonomische Interesse des Betriebs. Unser Arbeitgeberservice soll dabei unbürokratisch unterstützen.

Müsste man nicht auch in Kindergärten und Schulen ein Fach „Gesundheitspflege“ einführen?
Hubert Seiter: Da bin ich mir nicht so sicher. Zum einen wäre solch ein Fach sicherlich nicht schlecht, andererseits glaube ich, dass eine Verbindung mit anderen Fächern der bessere Weg ist. Eine Stunde lang über gesundes Essen oder Bewegung zu diskutieren, ist relativ langweilig, und viel-leicht bringt es auch nichts. Das müsste man anders angehen. Was hindert uns denn, zum Beispiel im Fach Deutsch auch Texte zu analysieren, die mit Gesundheit zusammenhängen? Was spricht dagegen, in Mathematik Aufgaben durchzunehmen, die das Thema Gesundheit zum Hintergrund haben?

Was tut die Deutsche Rentenversicherung konkret für Prävention?
Hubert Seiter: Wir haben gerade ein Modellprogramm mit Musikschulen initiiert und dabei Fol-gendes festgestellt: Junge, ehrgeizige Kinder üben oft drei, vier, fünf Stunden lang, um später einmal „First Class“ zu werden. Wir haben uns gefragt, was aus denen wird, wenn sie sich schon ab dem vierten oder fünften Lebensjahr intensiv so einseitig betätigen: Sie leiden in vielen Fällen unter ge-sundheitlichen Problemen (beispielsweise Fehlhaltungen), sie bewegen sich zu wenig, und oft haben sie auch psychische Probleme. Deshalb unterstützen wir die Internationale Musikschulakademie Schloss Kapfenburg in Lauchheim. Dort werden Musiklehrer und junge Musiker gleichermaßen un-terrichtet und lernen u.a., dass jede Übungsstunde auf 50 Minuten beschränkt wird und die restlichen zehn Minuten gezielt präventiv genutzt werden sollen.
Ein anderes Modell: Chronisch kranke oder schwerstkranke Kinder müssen ja oft lange Leidenszeiten über sich ergehen lassen – monatelange Krankenhausaufenthalte, Chemotherapien usw. Sie sind also lange Zeit in der Akutversorgung, kommen anschließend in die Reha, sind dann mehr oder weniger geheilt und kehren wieder in die Schule oder Ausbildung zurück. Dabei stellt sich dann heraus, dass das eine oder andere möglicherweise nicht mehr geht. Wir haben im Rahmen eines Projekts ange-regt, dass man schon in der medizinischen Reha sehr konkret beginnen soll, darüber nachzudenken, wie es hinterher weitergeht. Wir haben mit drei Kliniken in Baden-Württemberg, in denen sich solch schwere Fälle befinden, vereinbart, dass die Kinder und Jugendlichen ein, zwei, drei Wochen in eine Einrichtung gehen dürfen, wo sie das erproben können, was sie motiviert, was ihnen Spaß macht, um neue Perspektiven zu entwickeln – damit sie, wenn sie geheilt aus der Reha nach Hause entlassen werden, nicht in ein großes Loch fallen und keine Ahnung haben, wie es weitergehen soll.