Schmerz und Schlafstörungen: Interview mit dem Schmerztherapeuten

Wie werden chronische Schmerzen und die damit einhergehenden Schlafstörungen richtig behandelt? Und vor allem: Wo findet ein Schmerzpatient den richtigen Arzt? Über diese Fragen sprachen wir mit dem international anerkannten Schmerztherapeuten Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, der die Behandlung chronischer Schmerzen in Deutschland maßgeblich mit geprägt und etabliert hat.

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Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, der größten deutschsprachigen Fachgesellschaft, die sich für ein besseres Verständnis und eine bessere Diagnostik und Therapie des chronischen Schmerzes einsetzt. Außerdem leitet er das Regionale Schmerz- und Palliativ-Zentrum Göppingen.

Schmerz- und Palliativ-Zentrum Göppingen
Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe
Schillerplatz 8/1
73033 Göppingen
Tel.: 07161 9764-5
Fax: 07161 9764-97
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Internet: www.mueller-schwefe.de

Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Schmerz und Schlaf?
Schlaf ist die Phase im menschlichen Leben, die ganz entscheidend dazu beiträgt, dass wir uns erholen und tagsüber leistungsfähig sind. Im normalen, gesunden Schlaf fallen wir in regelmäßigen Zeitabständen in Schlafstadien, die für unsere körperliche und geistige Regeneration besonders wichtig sind. Das sind zum Beispiel die Tiefschlafphasen 3 und 4. Menschen mit chronischen Schmerzen erreichen diese Schlafphasen eigentlich nie, das heißt, sie haben einen sehr oberflächlichen Schlaf. Viele Schmerzpatienten leiden außerdem unter Einschlafstörungen, weil sie keine Position finden, in der sie überhaupt in den Schlaf kommen können; und wenn sie dann endlich eingeschlafen sind, werden sie häufig wieder wach. Zwar sind Arousals (kurze Aufwachreaktionen) durchaus normal; aber diese Patienten werden von ihrem Schmerz so quälend geweckt, dass sie hinterher nicht mehr einschlafen können.

Solche Menschen durchleiden häufig schlechte Nächte, und in der Konsequenz ist ihre Lebensqualität und Leistungsfähigkeit bei Tage natürlich auch sehr beeinträchtigt. Deshalb fragen wir unsere Patienten mit chronischen Schmerzen in aller Regel nicht nur nach Schmerzintensität und Schmerzdauer, sondern wollen auch wissen: Haben Sie ausreichend Schlaf, und ist dieser Schlaf ungestört? Das ist für die Beurteilung der Beeinträchtigung der Lebensqualität durch Schmerzen ein ganz wichtiges Kriterium.

Welche Schmerzen stören den Schlaf am meisten?
Besonders störend sind zwei Arten von Schmerzen: zum einen Nervenschmerzen, die typischerweise prickelnd und brennend sind oder sich wie Ameisenlaufen anfühlen, häufig verbunden mit Berührungsmissempfindungen – diese Patienten können oft das Nachthemd oder die Bettdecke auf den Füßen nicht ertragen. Solche Nervenschmerzen oder neuropathische Schmerzen, wie sie beispielsweise bei Diabetikern vorkommen, sind bei Ruhe und nachts häufig stärker.

Die zweite Art von Schmerzen, die sich nachts verschlimmert, rührt vom Muskelsystem her. Unser Bewegungssystem ist auf Dynamik ausgelegt. Der Mensch ist eben ein Lauftier und kein Sitztier; wir sind von unserer Konstruktion her Savannen- und Steppenläufer und haben unsere Lebensweise inzwischen komplett verändert: Die meiste Zeit sitzen oder stehen wir oder sind zumindest nicht in Bewegung, und das führt sehr häufig zu Störungen vor allem der körperaufrichtenden Muskulatur. Diese Muskeln neigen dazu, sich zu verkürzen, wenn sie nicht bewegt werden. Nachts, wenn keine Bewegung in der Muskulatur ist, werden diese Schmerzen besonders quälend.

Schulterschmerzen, die sich in der Nacht verstärken und die Patienten wecken, gehen in aller Regel von der Muskulatur aus. Auch an Schmerzen im Wirbelsäulenbereich sind meist nicht die Bandscheiben schuld, sondern verkürzte Muskeln. Wenn diese Patienten morgens aufstehen, ist das am Anfang häufig mühsam; doch sobald sie sich wieder bewegen und „in die Gänge kommen“, bessert sich der Schmerz.
Hinzu kommt noch, dass diese beiden Schmerztypen eine hohe emotionale Komponente haben: Sie sind extrem quälend und machen die Menschen sehr missmutig und übellaunig.

Wie geht man therapeutisch vor, um solche Schmerzen und die damit einhergehenden Schlafstörungen in den Griff zu bekommen?
Zunächst einmal ist es wichtig, herauszufinden, ob die Schlafstörung wirklich schmerzbedingt ist. Es gibt nämlich auch andere Erkrankungen, die den Schlaf massiv beeinträchtigen, beispielsweise Depressionen. Wenn jedoch tatsächlich Schmerzen die Ursache für die Schlafstörung sind, ist eine effektive Schmerzdiagnostik und -therapie oberstes Gebot. Zunächst muss analysiert werden, welche Ursache dem Schmerz zugrunde liegt; und dieses Problem muss man dann gezielt therapieren.

Das körpereigene Schmerzbekämpfungssystem aktivieren

Mit welchen Medikamenten werden Schmerzen behandelt?
Es gibt ein Medikament, das sehr selektiv an der Muskulatur und der Übererregbarkeit der muskelnversorgenden Nervenfasern angreift. Das ist der Kaliumionenkanalöffner Flupirtin (Katadolon®) – ein Medikament, das den Mechanismus verstärkt, mit dem Nervenzellen ihren Ruhezustand herstellen. Eine Nervenzelle muss nach jeder Aktion abschalten, wieder zur Ruhe kommen, um anschließend wieder erregbar zu sein; und Flupirtin verstärkt diesen Mechanismus über die Öffnung von Ionenkanälen. Das führt dazu, dass verkürzte, überaktive Muskulatur sich wieder mehr entspannt und dass Lernprozesse (die bei der Entstehung chronischer Schmerzen stets beteiligt sind) unterbrochen werden: Die Nervenzellen bekommen jetzt nicht mehr permanent Schmerzinformationen. Und sobald die Patienten dank diesem Medikament weniger Schmerzen haben, schlafen sie auch wieder besser.

Es gibt auch noch andere Arzneimittel, die in der Schmerztherapie eine wichtige Rolle spielen. Das sind die trizyklischen Antidepressiva – Medikamente, die ursprünglich zur Behandlung von Depressionen entwickelt wurden, von denen wir aber heute wissen, dass sie ebenfalls Ionenkanäle an Muskel- und Nervenzellen stabilisieren. Diese Mittel wirken sehr gut muskelentspannend und schlafinduzierend. Und häufig reichen zur Schmerzbekämpfung schon sehr viel niedrigere Dosen aus, als man sie zur Bekämpfung von Depressionen braucht.

Gegen Nervenschmerzen helfen Arzneimittel, die auch gegen Epilepsie eingesetzt werden. Auch sie stabilisieren die Nervenzellmembranen und lindern nicht nur den Schmerz, sondern verbessern oft auch die Schlafqualität deutlich. Außerdem arbeitet die Schmerztherapie mit starken Schmerzmitteln wie beispielsweise Opioiden, weil eine gute Schmerzkontrolle entscheidend dafür ist, dass sich die Schlafarchitektur wieder normalisiert.
Darüber hinaus kann es durchaus sinnvoll sein, Schmerzpatienten zumindest am Anfang auch verschreibungspflichtige Schlafmittel wie beispielsweise Zolpidem zu verordnen.

Diclofenac, Ibuprofen & Co.: mit Vorsicht zu genießen

Bei welchen Schmerzen werden Opioide eingesetzt?
Leider gibt es keine guten Prädiktoren, anhand deren man voraussagen kann, welche Schmerzen auf Opioide reagieren und welche nicht. Opioide spielen immer dann eine wichtige Rolle, wenn Schmerzen chronisch werden. Sie haben den Vorteil, körpereigene Schmerzbekämpfungssysteme zu imitieren. Der Körper verfügt über verschiedene Schmerzkontrollsysteme; eines davon arbeitet mit Endorphinen, so genannten Glückshormonen. Dieses Endorphinsystem ist ein Schutzmechanismus, der es uns ermöglicht, in kritischen Situationen zu überleben. Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, bei Verletzungen nicht zurückzubleiben und aus dem Rudel ausgestoßen zu werden. Denn sonst wurde man entweder vom Tiger gefressen oder war nicht mehr in der Lage, das Mammut zu jagen – und beides war tödlich. In Krisensituationen muss der Schmerz schnell und effektiv kontrolliert werden; und da wird unser körpereigenes Endorphinsystem schlagartig aktiviert. Das erleben wir auch heute noch bei Unfallopfern die schwer verletzt sind und dem Notarzt trotzdem sagen: „Was wollen Sie denn? Mir fehlt doch gar nichts.“

Dieses System können wir nutzen, indem wir die körpereigenen Botenstoffe durch pflanzliche Morphinpräparate ersetzen, die genau an den gleichen Rezeptoren andocken wie die körpereigenen Endorphine. Diese Substanzen sind auch sehr gut verträglich, weil unser Organismus sie von sich selber her kennt: Sie verstärken lediglich körpereigene Reaktionen.

Viele Ärzte verschreiben bei Rückenschmerzen ja erst einmal entzündungshemmende Medikamente, so genannte nichtsteroidale Antirheumatika wie Diclofenac oder Ibuprofen. Was ist davon zu halten?
Diese Entzündungshemmer haben einen ganz anderen Wirkmechanismus: Sie blocken körpereigene Enzymsysteme ab, die dafür verantwortlich sind, dass im Körper schmerzvermittelnde Botenstoffe (so genannte Prostaglandine) hergestellt werden. Aber unser Körper braucht diese Prostaglandine leider auch, um beispielsweise Salze in der Niere ausscheiden oder Wunden (z. B. Magengeschwüre) abheilen zu können. Die Puffersubstanz Bikarbonat, die unsere Magenschleimhaut herstellt, um den Magen vor seiner eigenen Säure zu schützen, wird ebenfalls über dieses Enzymsystem hergestellt. Immer wenn man so ein System abblockt, erzielt man zwar den gewünschten Effekt, dass keine Schmerzbotenstoffe mehr produziert werden, erkauft sich dies aber eben leider mit vielen unerwünschten Nebenwirkungen. Solche Entzündungshemmer sind manchmal durchaus hilfreich, aber in der Langzeittherapie problematisch: Sie verursachen Gefäßverengungen, können zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen, stören die Blutbildung, den körpereigenen Magenschutz und die Nierenfunktion und führen bei Langzeiteinnahme häufig zu Nierenversagen und Leberschäden.

Opioide haben zwar ebenfalls Nebenwirkungen, die aus der Evolutionsgeschichte des Menschen heraus auch sehr gut nachvollziehbar sind: Wenn Sie auf der Flucht vor einem Tiger sind und ausgerechnet in diesem Moment auf die Toilette müssen, ist das nicht lebensrettend. Von daher ist es verständlich, dass diese Medikamente den Darm ruhigstellen. Man braucht also Begleitmedikationen gegen die Verstopfung. Dass die Sexualhormone durch diese Medikamente unterdrückt werden, ist ebenfalls kein Unfall der Natur, sondern völlig logisch: In Krisensituationen sind Sex und Fortpflanzung nicht das Wichtigste; entscheidend ist, dass man überhaupt am Leben bleibt. Doch auch diese Nebenwirkung lässt sich behandeln.

Manche Patienten, die Opioide einnehmen, leiden tagsüber unter Müdigkeit und Benommenheit. Woher kommt das, und was kann man dagegen tun?
Bei Opioiden ist es besonders wichtig, sie richtig zu dosieren. Man sollte keine kurzwirksamen Medikamente einsetzen; denn Opioide, die nicht über eine verzögerte Wirkstofffreisetzung langfristig ins Blut abgegeben werden, bewirken kurzfristig schnelle Konzentrationsanstiege und müssen, um über eine akzeptable Zeitdauer hinweg die Schmerzen zu hemmen, vorübergehend überdosiert werden. Dann fällt der Opioidspiegel im Blut wieder ab, und der Patient bekommt erneut Schmerzen – mit der Konsequenz, dass er sein nächstes Opioid dann vielleicht zu früh und in zu hoher Dosis einnimmt. Und was noch problematischer ist: Diese kurzfristige Überdosierung führt zu psychischen Nebenwirkungen. Die Patienten werden euphorisch, leicht „high“, und bringen das mit der schmerzhemmenden Wirkung des Medikaments in Verbindung. Wenn man solche Patienten dann auf ein Präparat mit gleichmäßiger Wirkstofffreisetzung umstellen möchte, haben sie das Gefühl, dass dieses Mittel nicht wirkt – weil sie die Folgeerscheinungen der Überdosierung nämlich mit der schmerzhemmenden Wirkung verbunden haben. Deshalb sind schnell freigesetzte Opioide nicht für eine länger dauernde Therapie geeignet.

Aber auch die Freisetzung von retardierten Opioidpräparaten ist sehr unterschiedlich. Selbst wenn es die gleiche Substanz ist, kann die Wirkstofffreisetzung von Präparat zu Präparat doch völlig unterschiedlich sein. Man muss die Dosierung also sehr exakt einstellen und das richtige Medikament und die richtige Wirkdauer für den richtigen Patienten finden.

Besteht bei diesen retardierten Opioiden auch die Gefahr einer Toleranzentwicklung – dass der Patient sich im Lauf der Zeit an das Medikament gewöhnt und es dann nicht mehr so gut wirkt?
Auch diese Gefahr besteht eigentlich nur bei kurzwirksamen Opioiden. Bei den retardierten Opioiden spielt dieses Problem kaum eine Rolle – vorausgesetzt, dass die Patienten und ihre Behandler vernünftig damit umgehen. Wenn jemand auf ein starkes Schmerzmedikament eingestellt ist und an Tagen, an denen er sich nicht so wohl fühlt, einfach die Dosis steigert, besteht die Gefahr, dass das Mittel mit der Zeit immer weniger gut wirkt. Diese Medikamente sind keine rosarote Brille, sondern Schmerzmittel, die Menschen in die Lage versetzen sollen, ihren Alltag wieder zu bewältigen. Wenn sie in allen misslichen Situationen des Lebens als Trostpflaster genommen werden, kann das zu einer Toleranzentwicklung führen. Darüber muss der Arzt seine Patienten aufklären.

Schmerzbekämpfung nach der „Fakirmethode“

Was kann man denn noch gegen Schmerzen tun, außer Arzneimittel einzunehmen?
Medikamente sind natürlich nur ein Baustein der Schmerztherapie. Sie schaffen häufig erst die Voraussetzung dafür, dass Patienten wieder aktiv etwas gegen ihren Schmerz tun können. Aber eine sinnvolle Schmerztherapie aktiviert die körpereigene Schmerzkontrolle auch noch auf anderen Wegen, beispielsweise durch Akupunktur oder durch Reizstromverfahren wie die transkutane Nervenstimulation, bei der über aufgelegte Hautelektroden mit schwachen Strömen Nerven, Akupunkturpunkte oder Muskeln stimuliert werden, um im Rückenmark schmerzhemmende Fasern zu aktivieren. Ferner arbeiten wir auch mit Verfahren der psychologischen Schmerztherapie. Wir bezeichnen das als „Fakirtechniken“: Es sind schmerzdistanzierende Verfahren, bei denen der Patient lernt, dass der Schmerz zwar noch da ist, aber nicht mehr so eine bedeutsame Rolle spielt – so wie der Fakir sich aufs Nagelbrett legt und dabei den durch die spitzen Nägel verursachten Schmerzreiz ausblenden kann. Bei diesen autosuggestiven Verfahren beeinflussen die Patienten ihre Schmerzkontrolle über bestimmte Vorstellungen, z. B. mithilfe von meditativen Verfahren. Es gibt aber auch körperorientierte Behandlungsmethoden wie beispielsweise Biofeedback, bei dem man mit Messsonden Muskelspannung abgreift und für den Patienten auf einem Computerbildschirm sichtbar und hörbar macht. Über diese Rückkoppelung lernt er, die Spannung seiner Muskulatur so zu beeinflussen, dass eine erhöhte Muskelspannung bereits in ihrem Entstehungsprozess unterbrochen werden kann. Das Gleiche funktioniert übrigens auch mit den Blutgefäßen bei Migränepatienten: Da greifen wir die Schläfenarterie ab und machen deren Weit- oder Engstellung für den Patienten wahrnehmbar. So kann er lernen, bei einem Migräneanfall die Gefäße seiner Hirnhäute engzustellen.

Das A und O: Bewegung

Und was ist mit der bei Rückenschmerzen so häufig verordneten Krankengymnastik?
Natürlich spielen auch Verfahren, die das gestörte Bewegungssystem wieder verbessern, eine wichtige Rolle. Schmerzpatienten bewegen sich in aller Regel nicht oder nicht mehr; oder ihre Schmerzen sind überhaupt erst aus dem Bewegungssystem entstanden. Früher glaubte man, dass bei Rückenschmerzen Bettruhe hilft. Das sieht man heute völlig anders: Schmerzpatienten – vor allem, wenn sie unter Rückenschmerzen leiden – brauchen Aktivität. Die Muskulatur, die auf Bewegung ausgelegt ist, benötigt Dynamik, denn wenn wir sie nicht benutzen, verkümmert sie sehr schnell. Auch Gelenke und Gelenkkapseln ziehen sich bei Inaktivität zusammen, sodass die Gelenke dann nicht mehr beweglich sind, was neue Schmerzen erzeugt. Deshalb ist aktives Training ein ganz entscheidender Faktor. Das geht aber natürlich nur, wenn die Patienten keine Schmerzen haben – oder zumindest so wenig, dass sie sich bewegen können.

Die moderne Schmerztherapie ist multimodal. Das heißt, dass dabei gezielt verschiedenste Verfahren der Schmerzbekämpfung in Kombination miteinander zur Anwendung kommen: Arzneimittel, Verfahren der Anästhesie zur Unterbrechung von Schmerzinformationen, Stimulationsverfahren wie Akupunktur und transkutane Nervenstimulation, aber auch psychologische Schmerztherapie, Verhaltensmodifikation und Trainingstherapie. Dieses Therapiekonzept ist um Klassen effektiver als die herkömmliche Behandlung, die in der Regel einen Aspekt nach dem anderen abzuarbeiten versucht.

Welches Training empfehlen Sie Ihren Patienten?
Bei den meisten Patienten sind durch Inaktivität oder Fehlhaltungen Muskelgruppen verkürzt. Und verkürzte Muskulatur verursacht extrem schnell Schmerzen, weil dadurch Schmerzrezeptoren aktiviert werden. Dagegen müssen die Patienten selbst etwas tun – zum Beispiel mit so genannten postisometrischen Entspannungsübungen, bei denen man einzelne Muskeln gezielt anspannt und nach 20 Sekunden wieder locker lässt. Dadurch geht der Muskel in eine tiefere Entspannung als vorher. Das sind Techniken, die Patienten aufgrund der vom Schmerztherapeuten durchgeführten Analyse jeden Tag zu Hause durchführen und durch die viele gestörte Funktionen sich wiederherstellen lassen: So verbessern sich dadurch beispielsweise Beweglichkeit und Gelenkfunktion. Ferner müssen Koordination, Kraft und Ausdauer trainiert werden. All diese Komponenten spielen bei Rückenschmerzen eine wichtige Rolle. Aber die klassische Methode – dass der Hausarzt oder Orthopäde dem Patienten sechsmal Krankengymnastik verschreibt, und dann muss es wieder gut sein – funktioniert bei Patienten mit chronischen Schmerzen nicht.

Wie findet man als Patient einen guten Schmerztherapeuten?
Das ist gar nicht so einfach, weil die Schmerzmedizin in Deutschland nach wie vor in den Kinderschuhen steckt. In der schmerzmedizinischen Forschung ist Deutschland sehr gut aufgestellt; aber in der Versorgung liegen wir leider noch weit hinten. Da Schmerzmedizin immer noch kein Pflichtfach in der medizinischen Ausbildung ist, haben viele Schmerzpatienten es schwer, einen kompetenten Ansprechpartner zu finden.

Ich würde bei einem Schmerzproblem zunächst einmal den Hausarzt als erste Anlaufstelle empfehlen. Wenn der nicht weiterkommt oder zusätzliche Hilfe braucht, kann ein Orthopäde oder Neurologe hinzugezogen werden. Grundsätzlich sollte man als Patient bei Schmerzen, die länger als vier Wochen anhalten, aber nicht zuwarten, denn sonst kann er chronisch werden. Ein solcher Patient sollte entweder in einer Schmerzkonferenz vorgestellt werden (das ist eine Konferenz aus verschiedenen Experten, die den Patienten gemeinsam untersuchen, und wird an Schmerzzentren angeboten), oder es sollte ein schmerzkompetenter Arzt hinzugezogen werden. Die Deutsche Schmerzliga (die Selbsthilfeorganisation der chronisch schmerzkranken Patienten) hat ein Schmerztelefon für hilfesuchende Patienten eingerichtet, bei der man wohnortnahe Adressen von schmerztherapeutisch ausgebildeten Ärzten erfragen kann. Die Telefonnummer lautet 0700 375 375 375.

Grundsätzlich sollten Patienten sich von ihrem Arzt niemals abwimmeln lassen mit Aussagen wie beispielsweise, dass Schmerzen normal oder ein unvermeidlicher Bestandteil des Älterwerdens seien. Das ist alles Unsinn – Schmerz gehört nicht zum Alter, Schmerz ist auch nicht normal und chronischer Schmerz schon gar nicht.

Sind chronische Schmerzen eigentlich heilbar?
Wie bei den meisten chronischen Erkrankungen ist eine Heilung in vielen Fällen nicht möglich. Chronische Schmerzpatienten brauchen häufig eine dauerhafte medizinische Betreuung, genau wie Diabetiker. Durch die heute zur Verfügung stehenden Therapiemaßnahmen lassen die Schmerzen sich aber zumindest so weit lindern, dass sie für den Patienten erträglich werden und er gut damit leben kann.

Wie viel Schmerztherapie müssen gesetzliche Krankenkassen bezahlen?
Im Prinzip sind die gesetzlichen Krankenversicherungen verpflichtet, alles zu bezahlen, was wirtschaftlich, notwendig und ausreichend ist. Und dazu gehört selbstverständlich auch eine effektive Schmerztherapie. Denn laut Grundgesetz hat jeder Mensch ein Recht auf Leben und Unversehrtheit, und chronischer Schmerz zerstört Leben und Unversehrtheit. Das ist der Anspruch von Schmerzpatienten gegenüber der Gesellschaft. Es gibt aber auch einen Anspruch gegenüber Ärzten, effektive Schmerztherapie einzufordern: Einem Patienten die Behandlung seiner Schmerzen zu versagen, kann ein Unterlassungsdelikt sein; und wenn der Patient dadurch den Tod findet, weil er seine Schmerzen nicht mehr aushält, kann es sogar ein Tötungsdelikt sein, sagt Klaus Kutzer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof a. D.

Allerdings besteht in der gesetzlichen Krankenversicherung häufig eine Diskrepanz zwischen medizinischen Verfahren, deren Wirksamkeit wissenschaftlich anerkannt ist, und Leistungen, für die die Krankenkassen auch tatsächlich die Kosten übernehmen. In dieser Hinsicht hinken Gesetzgeber und Kostenträger der Wissenschaft leider oft weit hinterher: Viele Therapieverfahren, deren Wirksamkeit sehr gut etabliert und belegt ist (z. B. Biofeedback), werden trotzdem nicht als Kassenleistung erstattet. Akupunktur, deren Kosten bei Arthroseschmerzen und unspezifischen Rückenschmerzen von den gesetzlichen Krankenversicherungen übernommen wird, ist bei Migräne nicht als Kassenleistung anerkannt, obwohl sie auch hier hochwirksam ist und es natürlich viel schonender ist, beispielsweise Kinder mit Migräne zu akupunktieren, statt sie medikamentös zu behandeln. Da gibt es noch viele Ungereimtheiten, die die Kassenpatienten zwingen, entweder auf wirksame Therapien zu verzichten oder sie aus eigener Tasche zu bezahlen. Aber zum Glück gibt es auch bereits Integrationsansätze: Intelligente Krankenversicherer erstatten komplexe Schmerztherapien als Package und interessieren sich dabei gar nicht mehr dafür, welche Maßnahme wie viel kostet, sondern nur, wie erfolgreich die Therapie ist.

Und wie ist die Erstattungspraxis bei den privaten Krankenversicherungen?
Bei der privaten Kassen gelten im Prinzip die gleichen Richtlinien; viele Behandlungen werden bei ihnen jedoch eher erstattet als bei den gesetzlichen. Allerdings hat sich das in den letzten Jahren deutlich verändert, weil die privaten Krankenversicherungen ein Problem mit ihrem Geschäftsmodell haben: Sie haben mittlerweile viele Versicherte im Basistarif, für die sie zwar Leistungen erbringen müssen, aber relativ niedrige Beiträge erhalten. Deshalb versuchen sie, mit immer mehr Leistungsverweigerungen und Beitragssteigerungen ihr Geschäftsmodell zu erhalten. Es kommt immer häufiger vor, dass Patienten gerichtlich gegen ihre private Krankenversicherung vorgehen müssen. Aber auch da gibt es zum Glück eindeutige Versicherungs- und Leistungsverträge, die festlegen, welche Behandlungen die Kassen erstatten müssen und welche nicht. Und es gibt auch eine Aufsichtsbehörde, das Bundesversicherungsamt, das darüber wacht, dass es dabei mit Fug und Recht zugeht. An diese Behörde können Patienten sich mit Beschwerden wenden. Und wenn man bei seiner Versicherung wirklich auf Granit beißt, muss man eben manchmal auch vor Gericht ziehen.

Datum: 
07.05.2012