Schmerz und Schlafstörungen

Wer ständig unter Schmerzen leidet, schläft meist schlecht. Der gestörte Schlaf erhöht wiederum die Schmerzempfindlichkeit – ein Teufelskreis, aus dem den Patienten oft nur ein erfahrener Schmerztherapeut heraushelfen kann.

Kurz vor dem Schlafengehen war Karin S. wieder dieser plötzliche Schmerz ins Kreuz gefahren. Woran es lag – ob es eine falsche Bewegung gewesen war oder ob sie ihren Rücken beim Unkrautjäten überfordert hatte –, wusste sie nicht genau. Früher waren die Kreuzschmerzen nur gelegentlich aufgetreten, dann immer häufiger, und jetzt litt Karin S. fast schon unter Dauerschmerzen – manchmal stärker, manchmal schwächer. Haus- und Gartenarbeit waren nur noch eingeschränkt möglich; und auch ihr Schlaf war durch den ständigen Kreuzschmerz beeinträchtigt.

„Die kommende Nacht kann ich wohl vergessen“, seufzte sie und dachte mit Schrecken daran, dass sie sich nun wieder stundenlang mit Schmerzen von einer Seite auf die andere wälzen würde in dem vergeblichen Versuch, eine Position zu finden, in der ihr Kreuz endlich Ruhe gab. In besonders schlimmen Nächten wurde sie bei jedem Umdrehen wach. Und morgen würde der Wecker wie immer um sechs Uhr klingeln, und sie musste fit und ausgeschlafen sein. Ohne mehrere Tassen Kaffee überstand sie ihren Arbeitsalltag kaum noch.

So wie Karin S. geht es Millionen von Menschen in Deutschland. Denn chronische Schmerzen – insbesondere Rückenschmerzen – sind mittlerweile zur Volkskrankheit geworden. Oft lassen sie nicht nur den Alltag, sondern auch die Nacht zur Qual werden. Denn sie stören natürlich den Schlaf; und wer morgens nach unerholsamer Nachtruhe wie gerädert erwacht, fühlt sich nicht nur todmüde, sondern hat auch eine niedrigere Schmerzschwelle: Das heißt, er reagiert empfindlicher auf Schmerzen. Dadurch schläft er in der nächsten Nacht noch schlechter, empfindet seine Schmerzen am nächsten Tag wiederum stärker, usw. – eine Abwärtsspirale, die mit der Zeit in ein Leben mit immer stärkeren Einschränkungen und immer geringerer Lebensqualität führt.

Außerdem laufen unbehandelte oder inadäquat behandelte Schmerzpatienten Gefahr, in Depressionen zu verfallen; und dauerhaft gestörter Schlaf erhöht das Depressionsrisiko ebenfalls. Leidet ein Patient unter beiden Problemen, so potenziert sich dieses Risiko natürlich.

Leider hat sich die Schlafforschung bisher viel zu wenig um dieses wichtige Thema gekümmert. So gibt es bisher nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Rückenschmerzen und Schlaf; und nur in einer einzigen Studie wurde der Schlafverlauf chronischer Schmerzpatienten anhand einer Schlafaufzeichnung (Polysomnografie) im Schlaflabor untersucht. Dabei zeigte sich, dass Menschen mit chronischen Rückenschmerzen vier- bis fünfmal weniger Tiefschlaf haben als gesunde. Das Gleiche gilt übrigens auch für Fibromyalgie-Patienten.

Viele Ärzte unterschätzen die Folgen des verhängnisvollen Teufelskreises zwischen Schmerz und gestörtem Schlaf. Hinzu kommt, dass viele Hausärzte über Schmerztherapie und auch über die Behandlung von Schlafstörungen nach wie vor viel zu wenig wissen. Denn beide Fachrichtungen – Schlafmedizin und Schmerztherapie – sind noch relativ junge medizinische Disziplinen und den Ärzten daher nicht so geläufig wie der Umgang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes.

Datum: 
10.05.2012