Schlafapnoe

Schlafapnoe – eine immer noch unterschätzte Krankheit

Wem hat es nicht schon einmal den Schlaf geraubt – das nächtliche Sägen, Schnorcheln oder Röcheln des Bettnachbarn, den man ja eigentlich liebt, in solchen Augenblicken aber manchmal am liebsten umbringen würde? Das Schnarchkonzert kann nicht nur Beziehungen belasten und den Nachtschlaf des Partners empfindlich stören; es kann auch eine gefährliche Krankheit sein, die behandelt werden muss.

von Marion Zerbst

Schätzungen zufolge verwandeln rund 30 Millionen Deutsche ihr Schlafzimmer Nacht für Nacht in ein Sägewerk.
Wie kommt es zu der unangenehmen nächtlichen Geräuschkulisse?
Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: Im Schlaf erschlafft unsere Muskulatur, was ja an sich auch ganz sinnvoll ist – schließlich wollen wir uns erholen, um am nächsten Tag wieder fit zu sein. Leider verengen die erschlafften Muskeln aber auch die Luftwege im Rachen. Das kann geräuschvolle Folgen haben: Denn die Atemluft strömt nun mit erhöhtem Druck an den weichen Gewebeteilen des verengten Rachens vorbei und bringt sie zum Vibrieren. So entsteht das entnervende, sägende Schnarchgeräusch.
„Aber dann müssten ja eigentlich alle Menschen schnarchen?“, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen.
Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht. Im Nasen-Rachen-Raum der nächtlichen Ruhestörer herrschen nämlich besondere anatomische Verhältnisse, die das Schnarchen begünstigen.
Die Hauptursache des Schnarch-Übels liegt im mittleren Rachenbereich, wo sich Zäpfchen, Gaumensegel und Zungengrund befinden. Bei den meisten Schnarchern sind das die drei Instrumente, die zum nächtlichen Konzert aufspielen. Und sie sind beim Schnarcher häufig zu groß und zu schlaff.
Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt erkennt den typischen Schnarcher meist schon mit einem einzigen Blick in den geöffneten Mund: Seine Zunge ist entweder zu groß oder zu dick. Auch das Zäpfchen ist häufig verdickt und verlängert (weshalb man auch vom typischen „Schnarcherzäpfchen“ spricht), und die hinteren Gaumenbögen hängen tiefer in den Rachen hinein. (Das bezeichnet der Fachmann als „erschlafftes Gaumensegel“). Die Rachenhinterwand ist nicht straff, sondern in lockere Falten gelegt – der ideale Resonanzboden zum Vibrieren und Schnarchen.

Außerdem gibt es noch weitere Faktoren, die Schnarchen begünstigen: Viele Menschen schnarchen nur – oder zumindest wesentlich lauter –, wenn sie auf dem Rücken liegen. Denn in Rückenlage nähert sich die Vorderwand des Rachens an die Rachenhinterwand an; der Rachen wird dadurch noch enger.
Auch die Schlaftiefe begünstigt Schnarchen: Je tiefer der Schlaf, umso entspannter ist unsere Rachenmuskulatur. Deshalb schnarchen viele Menschen besonders stark, wenn sie übermüdet sind (vielleicht aufgrund einer anstrengenden Tätigkeit oder weil sie in der vorangegangenen Nacht schlecht geschlafen haben): Dann ist ihr Schlaf automatisch tiefer und der Rachen daher noch enger.
Abendlicher Alkoholkonsum lässt die Atemmuskulatur ebenfalls erschlaffen – deshalb führt ein „Schlummertrunk“ oft zu lautem Schnarchen, mit dem Effekt, dass dann vielleicht derjenige, der am Abend zu tief ins Glas geschaut hat, tief und fest schläft, nicht aber sein durch das Schnarchen genervter Bettpartner.
Auch bestimmte Schlafmittel (so genannte Benzodiazepine und Benzodiazepinrezeptoragonisten, kurz: BZRA) haben eine muskelerschlaffende Wirkung, hemmen den Atemantrieb und können dadurch Schnachen erzeugen oder verstärken.

Schlafapnoe: wenn Schnarchen zur Krankheit wird

Schnarchen kann aber auch ganz anders klingen: Statt des gleichmäßigen „Sägens“ herrscht sekunden-, manchmal sogar minutenlang eine unheimliche Stille im Bett; erst dann setzt das Schnarchen mit einem lauten, explosionsartigen Röcheln oder Prusten wieder ein. Solche Atemanstrengungen wirken für den Bettpartner oft sehr erschreckend – wie ein heftiges, verzweifeltes Nacht-Luft-Schnappen.
Spätestens dann hören die nächtlichen Mordgedanken der Partnerin auf, und sie beginnt sich ernsthaft Sorgen zu machen: „Und was ist, wenn er nun irgendwann gar nicht wieder anfängt zu atmen?“
Ein Erstickungstod ist zum Glück aber so gut wie ausgeschlossen, da der Schnarcher vorher rechtzeitig aufwacht und nach Luft schnappt.
Trotzdem bestehen die Sorgen der Ehefrau zu Recht, denn krankhaftes Schnarchen mit Atemaussetzern birgt zahlreiche andere gesundheitliche Gefahren. Im medizinischen Fachjargon spricht man von „Schlafapnoe“. Das Wort „Apnoe“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Windstille“ – eine sehr romantische Umschreibung für das verzweifelte Ringen nach Luft, das viele Schnarcher Nacht für Nacht um den erholsamen Schlaf bringt.
Beim Schlafapnoiker sind die oberen Atemwege nämlich während des Schlafs nicht nur verengt wie beim „normalen“ Schnarcher, sondern fallen komplett in sich zusammen, sodass gar keine Luft mehr hindurchgeht. (Der Mediziner spricht von einem Kollaps der oberen Atemwege.) So kommt es zu den Atempausen, die für den Partner so beängstigend sind, vom Schnarcher selbst aber meist gar nicht wahrgenommen werden.
Bis zu drei Minuten kann so ein „Atemaussetzer“ dauern; spätestens dann sendet der um den lebensnotwendigen Sauerstoff gebrachte Organismus ein Alarmsignal ans Gehirn, und es kommt zu einer kurzen Weckreaktion, die im schlafmedizinischen Fachjargon als „Arousal“ bezeichnet wird: Der Schnarcher wacht kurz auf, was ihm meistens gar nicht bewusst wird. (Manchmal handelt es sich auch gar nicht um ein richtiges Erwachen, sondern lediglich um einen abrupten Wechsel von einem tieferen in ein leichteres Schlafstadium.)

Dramatische Sauerstoffentsättigungen

Durch die Atemstillstände des Schlafapnoikers wird der lebenswichtige Gasaustausch beeinträchtigt: Denn während dieser Atempausen sinkt der Sauerstoffgehalt seines Blutes ab, da kein Nachschub aus der Atemluft kommt. (Der Schlafmediziner bezeichnet diesen Zustand als Sauerstoffentsättigung oder Hypoxämie.) Infolgedessen kommt es auch zum Sauerstoffmangel in den Körpergeweben (Hypoxie), die ja vom Blut mit Sauerstoff versorgt werden. Die Sauerstoffsättigung des Blutes kann während der Apnoephasen bis auf 30 mmHg absinken – ein beängstigendes Phänomen, wenn man sich vor Augen hält, dass schon bei einer Sauerstoffsättigung unter 40 mmHg die Gefahr akuter Schäden an Herz oder Gehirn besteht.
Gleichzeitig kann das Kohlendioxid, das von den Zellen ans Blut abgegeben wird, nicht mehr abgeatmet werden: Der Kohlendioxidgehalt des Blutes steigt (Hyperkapnie).

Der Sauerstoffmangel, der Anstieg der Kohlendioxidkonzentration im Blut und die verzweifelten Atemanstrengungen des Schnarchers (der ja trotz seiner verschlossenen Atemwege nach Luft ringt) werden vom zentralen Nervensystem registriert und führen zu der lebensrettenden Weckreaktion, durch die der Patient wieder Luft bekommt. Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt im Blut normalisieren sich wieder – bis zur nächsten Atempause.

Schnarchen und Schlafapnoe – ein fließender Übergang

Schnarchen und Schlafapnoe gehören zu den schlafbezogenen Atmungsstörungen – das sind, wie der Name schon sagt, Störungen der Atmung, die nur während des Schlafs auftreten.
Leider besteht zwischen dem harmlosen, lediglich die Nachtruhe des Partners störenden Schnarchen (der Schlafmediziner spricht von „primärem Schnarchen“) und der Schlafapnoe, deren nächtliche Atempausen krankhaft sind und diverse Risiken und Folgeerkrankungen nach sich ziehen, ein fließender Übergang. Bei so manchem „harmlosen“ Schnarcher verändert sich in manchen Nächten das Schnarchgeräusch – vielleicht, weil er am Abend ein paar Gläschen Bier getrunken oder ein Schlafmittel eingenommen hat: Nun treten plötzlich Atempausen auf. Auch mit zunehmendem Alter entwickelt sich aus dem primären Schnarchen häufig eine Schlafapnoe.
Zwischen harmlosem Schnarchen und Schlafapnoe gibt es zahlreiche Zwischenstufen.
Beim primären Schnarchen kommt es nicht zu Atemstillständen (Apnoen) und auch nicht zu einem Abfall der Sauerstoffsättigung im Blut. Auch die Schlafarchitektur eines solchen Schnarchers ist noch einigermaßen normal; das heißt, sein Schlaf ist nicht gestört – es treten keine Weckreaktionen auf.
Bei einer etwas ausgeprägteren Enge im Rachenbereich kann die dadurch bedingte erhöhte Atemanstrengung bereits zu Weckreaktionen führen, obwohl der Schnarcher immer noch genügend Luft bekommt. Manchmal wacht er auch an seinem eigenen lauten Schnarchgeräusch auf. Dieses Phänomen bezeichnet man als Schnarchen mit Weckreaktionen.
Die nächste Stufe ist das obstruktive Schnarchen: Dabei kommt es immer wieder zu teilweisen Verschlüssen der oberen Atemwege, oft gepaart mit Hyperkapnien (Anstiegen des Kohlendioxidgehalts im Blut), Hypoxämien (Verminderungen des Sauerstoffgehalts im Blut) und Weckreaktionen. Manche dieser Patienten leiden infolgedessen tagsüber unter Müdigkeit.
Die letzte Stufe schließlich ist die obstruktive Schlafapnoe, bei der immer wieder Phasen verminderter Atemtiefe (infolge einer starken Verengung) und Atemstillstände (infolge eines kompletten Verschlusses der oberen Atemwege) auftreten.
Die Phasen verminderter Atemtiefe bezeichnet man als Hypopnoen. Eine Hypopnoe liegt vor, wenn das Atemzugvolumen unter 30% des normalen Werts abfällt und infolgedessen auch der Sauerstoffgehalt des Blutes absinkt.
Wenn der Rachen völlig verschlossen ist, sodass der Patient nicht mehr atmen kann, spricht man von einer Apnoe. Das Atemzentrum im Gehirn arbeitet zwar weiter wie gewohnt und sendet Signale an die Atemmuskulatur; doch die Atembewegungen des Schnarchers laufen ins Leere: Seine Atemwege sind zu.
Allerdings bezeichnet man nicht jede Atempause als Apnoe, sondern nur dann, wenn sie länger als zehn Sekunden dauert. Und es leidet auch nicht jeder Mensch, der Apnoen hat, an einer Schlafapnoe: Bei jedem Menschen treten im Schlaf ab und zu Atempausen auf – das ist völlig normal. Erst bei mehr als fünf Apnoen pro Stunde Schlaf spricht man von einer Schlafapnoe.

Zentrale und obstruktive Apnoen

Der Schlafmediziner unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Arten von Atemstillständen: zentralen und obstruktiven Apnoen. Während eine obstruktive Apnoe durch einen Verschluss (Obstruktion) der oberen Atemwege entsteht, liegt die Ursache der zentralen Apnoe in einer Störung des Atemzentrums im Gehirn. Bei der obstruktiven Apnoe sendet das Atemzentrum wie gewohnt seine Signale an die Atemmuskulatur, und der Schläfer führt Atembewegungen aus; doch da seine Atemwege „zu“ sind, bekommt er keine Luft. Bei der zentralen Apnoe hingegen sendet das Atemzentrum keine Signale zum Luftholen an die Atemmuskulatur aus, es finden also auch keine Atembewegungen statt. Menschen mit zentralen Apnoen schnarchen nicht; deshalb werden diese Apnoen auch nicht so leicht erkannt wie die durch lautes, unregelmäßiges Schnarchen auffallenden obstruktiven Apnoen.

Dementsprechend unterscheidet man zwei verschiedene Formen der Schlafapnoe: zentrale und obstruktive Schlafapnoe, wobei die obstruktive Form mit über 95% aller Fälle wesentlich häufiger ist als die zentrale, an der weniger als 5% aller Schlafapnoe-Patienten leiden.
Eine zentrale Schlafapnoe kann verschiedene Ursachen haben. Häufig tritt sie bei einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) oder nach einem Schlaganfall auf.
Daneben gibt es auch noch die gemischtförmige Schlafapnoe, bei der sowohl obstruktive als auch zentrale Apnoen auftreten.

Datum: 
26.03.2012