Krebstherapie Interview Denzlinger

Krebstherapie im 21. Jahrhundert: Besser – gezielter – erfolgreicher

Krebs hat viel von seinem früheren Schrecken verloren. Viele bösartige Tumorerkrankungen, die früher für den Patienten ein Todesurteil bedeutet haben, kann man mittlerweile heilen. Oft ist sogar im metastasierten Stadium noch eine Heilung möglich. Außerdem kann man Nebenwirkungen von Krebstherapien, wie beispielsweise die lästige Übelkeit, inzwischen sehr gut bekämpfen. Damit ist ein weiteres Horrorszenario – ständiges Erbrechen und Gewichtsabnahme während der Therapiephase – gebannt. Wir sprachen mit Prof. Dr. med. Claudio Denzlinger vom Marienhospital Stuttgart über den aktuellen Stand der Krebstherapie.

Kann man heute immer noch sagen, dass die Chemotherapie – neben Operation und Bestrahlung – eine der drei tragenden Säulen der Krebsbehandlung ist?
Prof. Denzlinger: Ja, auf jeden Fall. Inzwischen haben sich als weitere wichtige Säule zwar noch die Immuntherapien (zu denen u. a. die Antikörper zählen) etabliert, und in manchen Fällen gibt es auch noch andere Therapieoptionen; aber die Chemotherapie ist nach wie vor eine wichtige Säule.

Inzwischen gibt es die Targeted Therapy, also die zielgerichtete Behandlung mit Antikörpern oder Angiogenesehemmern, die nur den Tumor angreifen, gesunde Zellen aber weitgehend intakt lassen. Warum braucht man die Chemotherapie trotz dieser vielversprechenden neuen Entwicklungen noch?
Prof. Denzlinger: Weil die zielgerichteten Therapien eben leider doch eine größere Streubreite haben, als man sich das wünschen würde: Manche Nebenwirkungen betreffen doch andere Organe oder Systeme außerhalb des Tumors; und die meisten Tumoren, die wir behandeln müssen, besitzen auch gar keine Strukturen, die man zielgerichtet angehen könnte. Nur die Angiogenesehemmung kann man recht breit bei vielen Tumorerkrankungen einsetzen. Dabei wird der Tumor „ausgehungert“, indem man die Bildung neuer Blutgefäße im und zum Tumor hemmt, sodass die Krebszellen nicht genügend Sauerstoff und Nährstoffe erhalten.

Kann es sein, dass die Zytostatika (also die Chemotherapie) irgendwann von anderen, zielgerichteteren Medikamenten abgelöst werden?
Prof. Denzlinger: Irgendwann vielleicht schon, aber ich glauben nicht, dass ich das noch erleben werde. Ich denke, dass die medikamentösen Ansätze immer spezifischer werden; das heißt, es wird immer wahrscheinlicher, dass sie hauptsächlich den Tumor treffen. Aber es ist auch in Zukunft nicht zu erwarten, dass man für alle Tumoren Zielstrukturen findet, bei denen eine Targeted Therapy ansetzen könnte. Deshalb wird man, glaube ich, zu meinen Lebzeiten bei den meisten Tumoren nicht um eine Mono- oder Polychemotherapie herumkommen.

Chemotherapie ist ja für viele Menschen immer noch eine Art Schreckgespenst. Sie denken mit Grauen daran, dass einem dabei ständig übel ist und die Haare ausfallen. Sind Zytostatika heute immer noch so aggressiv?
Prof. Denzlinger: Ja, aber es gibt inzwischen sehr gute Medikamente, um die Nebenwirkungen in Schach zu halten. So können wir den meisten Patienten nahezu garantieren, dass sie durch die Chemotherapie nicht unter Übelkeit leiden werden.

Kann ein Patient auch selbst etwas tun, um die Chemotherapie besser zu vertragen?
Prof. Denzlinger: Ja: durch eine gesunde Lebensführung (also Verzicht auf bestimmte Genussmittel wie Rauchen und Alkohol) und körperliche Aktivität. Das ist auch eine wesentliche Veränderung zu früher. Früher hat man gesagt, Tumorpatienten sollen sich schonen und möglichst viel im Bett liegen. Heute ist es genau umgekehrt: Diese Patienten sollen, soweit es ihnen möglich ist, auch in Phasen der Therapie möglichst aktiv bleiben. Das ist ein wesentlicher Beitrag dazu, die Verträglichkeit und sogar das Ergebnis der Behandlung zu verbessern.

Spielt dabei auch die Psyche eine Rolle? Wenn man der Behandlung positiv gegenübersteht, wenn man daran glaubt, dass sie hilft – wird man dann eher wieder gesund?
Prof. Denzlinger: Auf jeden Fall. Untersuchungen konnten zeigen, dass Patienten, die sich gut aufgehoben fühlen, die das Gefühl haben, das Richtige zu tun, und eine gewisse innere Ruhe und Gelassenheit besitzen, die Therapie besser vertragen und auch bessere Ergebnisse damit erzielen.

Inwieweit können Sie als Onkologe dazu beitragen, auf die Psyche der Patienten einzuwirken?
Prof. Denzlinger: Ich bemühe mich, zu jedem Patienten einen Zugang zu finden, indem ich ihm im Gespräch vermittle, dass wir ihm die bestmögliche Therapie anbieten und den bestmöglichen Weg gemeinsam gehen. Wenn es mir gelingt, einem Patienten das klarzumachen, habe ich den Eindruck, dass er dadurch in eine ruhigere und gefasstere Grundstimmung kommt.

Tumoren sind sehr unterschiedlich, selbst innerhalb einer Kategorie. Welche Krebsarten lassen sich heute gut behandeln und bei welchen ist die Prognose nicht so günstig?
Prof. Denzlinger: Man muss immer unterscheiden, ob es sich um eine Krebserkrankung im Früh- oder Spätstadium handelt. Im Frühstadium lassen sich fast alle Krebsarten durch verschiedene Therapieansätze wesentlich beeinflussen bzw. sogar heilen. Einen frühen Lungenkrebs z. B. kann man in der Regel durch eine Operation heilen. Die meisten Tumoren werden aber leider erst spät festgestellt, sodass man dann in der Regel eine Chemotherapie braucht.
Aber es gibt auch Krebserkrankungen, die sich mit Chemotherapie heute schon sehr gut heilen lassen. Ein Paradebeispiel dafür sind Keimzellentumoren wie Hodenkrebs; aber auch bei manchen Lymphomarten sind die Heilungsaussichten gut. Und selbst im metastasierten Stadium kann man bei vielen Tumoren noch für lange Zeit einen Stillstand erreichen. Dazu gehören unter anderem einige früher sehr gefürchtete Brustkrebsarten.
Richtig heilbar werden manche Tumoren dann noch, wenn man zusätzlich operieren kann. Wir haben einige Patienten mit metastasiertem Kolonkarzinom, die man nach einer Chemotherapie noch einmal operiert und die Erkrankung damit auch heilen kann.

Manche Zytostatika wirken sich ja negativ auf die Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen aus. Wie hilft man jüngeren Menschen, die mit so einer Chemotherapie behandelt werden müssen, sich aber noch Kinder wünschen?
Prof. Denzlinger: Bei Therapien, von denen wir wissen, dass sie die Fruchtbarkeit wesentlich beeinträchtigen, bieten wir eine Kryokonservierung an. Dabei werden Ei- oder Samenzellen durch Einfrieren in flüssigem Stickstoff haltbar gemacht. Bei den meisten üblichen Chemotherapieregimen erholt sich die Fruchtbarkeit hinterher wieder weitgehend; man weiß, dass selbst Frauen nach Hochdosistherapien ganz gesunde Kinder zur Welt bringen können. Wir bitten die meisten Patienten, eine Wartezeit von einem halben oder (besser) einem Jahr verstreichen zu lassen und dann erst wieder Kinderwünsche anzugehen.

Welche aktuellen Fortschritte gibt es in der Zytostatika-Therapie?
Prof. Denzlinger: Es gibt eine Fülle möglicher neuer Ansätze für gezielte Therapien. Das ist gerade beim Bronchialkarzinom sehr interessant, weil man in diesem Bereich jetzt viele Zielstrukturen neu entdeckt hat; da werden in absehbarer Zeit sicher weitere entsprechende Medikamente auf den Markt kommen, die zum großen Teil jetzt schon in Studien getestet werden. Außerdem hat man aus meiner Sicht auch sehr interessante Fortschritte bei den Immuntherapien gemacht: Es gibt zum Beispiel die bereits erwähnten Angiogenesehemmer, die teilweise auch als Tabletten verfügbar sind; es gibt aber auch Mechanismen, die das eigene Immunsystem wieder so aktivieren, dass es Tumorzellen vernichten kann. Diese Therapieansätze sind jetzt schon bei Hautkrebs zugelassen. Sie gehen die Mechanismen, mit deren Hilfe der Tumor das Immunsystem des Patienten irritiert oder lahmlegt, als Zielstrukturen an. Diese Therapieansätze sollen u.a. auch in der Behandlung des Bronchialkarzinoms demnächst zum Einsatz kommen.
Das sind, denke ich, wichtige Zukunftsperspektiven. All diese Mittel werden zurzeit nur in sehr, sehr fortgeschrittenen Tumorstadien eingesetzt; künftig wird man sie aber auch schon früher verabreichen können und damit noch erfolgreicher sein als bisher.

Sie bieten Ihren Patienten ja auch die Teilnahme an verschiedenen Studien an. Was für Vorteile hat das für einen Patienten?
Prof. Denzlinger: Der Patient hat dadurch den Vorteil, die bestmögliche Therapie zu erhalten, denn diese Studien werden meist von Gremien aus international bekannten Wissenschaftlern entwickelt, die festlegen: „Das ist die derzeit bestmögliche Therapie“; und dazu kommt dann noch eine weitere Substanz oder Behandlungsmaßnahme, die vielleicht noch besser ist als der derzeitige Therapiestandard. Das heißt, der Patient hat damit die Chance, dass bei ihm etwas noch Besseres erreicht werden kann. Außerdem weiß man, dass es Patienten in Studien besser geht als denjenigen, die nicht im Rahmen von Studien behandelt werden, weil sie genauer überwacht werden. Manche Daten zeigen sogar, dass Patienten in Studien länger leben. Denn dort gibt es strenge Überwachungsrichtlinien und Untersuchungen, die zusätzlich zur normalen Klinikroutine durchgeführt werden.

Da müsste sich ja eigentlich jeder Krebspatient wünschen, an einer Studie teilzunehmen, aber vermutlich gibt es nicht so viele?
Prof. Denzlinger: Wir versuchen, möglichst viele Patienten in Studien unterzubringen. Das geht natürlich nur dann, wenn sich bei einer Tumorerkrankung tatsächlich ein interessantes, neues, fortschrittliches Vorgehen anbietet. Ansonsten erhält der Patient eben den standardmäßigen besten Therapieansatz.

Zum Schluss vielleicht noch ein Wort über das Rauchen. Nachdem früher hauptsächlich Männer diesem Laster frönten, rauchen jetzt immer mehr Frauen und erkranken daher auch häufiger an einem Bronchialkarzinom. Ist das richtig?
Prof. Denzlinger: Ja, es ist leider so, dass Lungenkrebs bei Frauen inzwischen immer häufiger auftritt, während er bei den Männern abnimmt. Das kommt daher, dass Frauen zurzeit offenbar eine stärkere Neigung zum Rauchen haben als Männer. Die Politik hat anscheinend auch kein großes Interesse daran, einen Rückgang des Rauchens noch stärker zu unterstützen, weil der Zigarettenkonsum dem Staat einfach zu viele Steuereinnahmen einbringt oder weil dann Arbeitsplätze in der Zigarettenindustrie gefährdet wären.

Prof. Dr. med. Claudio Denzlinger, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Innere Medizin III, das auf die Behandlung von Krebserkrankungen spezialisiert ist, am Marienhospital Stuttgart.