Herzinfarkt

Die vermeidbare Katastrophe

Meist kommt der Herzinfarkt ganz plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Doch die Ursache hat sich schon lange vorher angebahnt: eine langsam und viele Jahre lang unbemerkt fortschreitende Erkrankung der Blutgefäße.

Mitten in der Nacht vom Samstag zum Sonntag erwachte Klaus P. schweißgebadet und spürte einen heftigen Schmerz hinter dem Brustbein, der bis in den linken Arm ausstrahlte. Er schob es auf seine Bandscheiben, die ab und zu Probleme machten, drehte sich um und versuchte weiterzuschlafen. Unruhig warf er sich von einer Seite auf die andere und wurde immer wieder wach, weil er auch schlecht Luft bekam. Doch er wollte seine Frau nicht wecken. Leise stand er auf, öffnete das Schlafzimmerfenster und ging wieder zu Bett. Die frische Luft tat ihm gut. Weil es Klaus P. am nächsten Morgen beim Frühstück immer noch nicht besser ging, erzählte er seiner Frau davon. Sie war entsetzt, denn er sah wirklich nicht gut aus: Seine Gesichtsfarbe war blass und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Obwohl er heftig protestierte (welcher Mann geht schon gerne zum Arzt?), rief sie den Rettungsdienst an und schilderte am Telefon die Beschwerden ihres Mannes. Kurze Zeit später klingelte es. Ein Notarzt und zwei Sanitäter standen vor der Tür. Der Notarzt untersuchte Herrn P., diagnostizierte einen Herzinfarkt und brachte ihn mit Blaulicht ins Krankenhaus.

Noch einmal Glück gehabt

Die Ärzte stellten einen Vorderwandinfarkt fest. Zum Glück war das abgestorbene Herzmuskelareal nicht zu groß, sonst hätte Klaus P. den Infarkt wohl kaum überlebt, zumal er viel zu spät ärztliche Hilfe gesucht hatte. Eigentlich hätte er gleich in der Nacht, als es ihm so schlecht ging, den Notarzt rufen sollen.
Ganz überraschend kam der Infarkt nicht, obwohl Herr K. sich darüber wunderte, weil er vorher noch nie Herzbeschwerden gehabt hatte. Aber es gab doch einige Risikofaktoren, die die Herzkatastrophe erklärten: Klaus P. war ein starker Raucher; an manchen Tagen kam es schon mal vor, dass er anderthalb Schachteln rauchte. Außerdem war er mit 100 kg Körpergewicht und einer Größe von 1,65 Metern deutlich übergewichtig. Ferner stellten die Ärzte einen zu hohen Blutdruck, zu hohes LDL-Cholesterin und leicht erhöhte Blutzuckerwerte fest. Damit sind wir schon beim nächsten Fehler, den Herr P. gemacht hatte: Er hat sein Risiko unterschätzt und die von den Krankenkassen angebotenen Vorsorge­untersuchungen nicht wahrgenommen; sonst hätte er gewusst, dass sein Blutdruck, seine Blutfettwerte und sein Blutzucker zu hoch waren. In so einem Fall spielt neben Medikamenten zur Blutdruck- und Cholesterinsenkung auch eine Umstellung der Lebensweise eine wichtige Rolle: mehr Bewegung und eine gesündere, kalorienbewusstere Ernährung – denn bei seinem Übergewicht muss Herr P. dringend abnehmen. Auch das Rauchen sollte er sich abgewöhnen, denn es ist der Risikofaktor Nummer eins für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Ein Neuanfang

Inzwischen hat Klaus P. das Schlimmste überstanden und erholt sich in einer Reha-Klinik von dem überstandenen Herzinfarkt. „Erholung“ im Sinne von Nichtstun ist das freilich nicht; denn eine Couch Potato war Klaus P. schließlich sein ganzes Leben lang. Jetzt wird er Tag für Tag kräftig gefordert: Er erlernt die Grundsätze einer herzgesunden, ausgewogenen Ernährung – Gespräche mit der Ernährungsberaterin und gemeinsames Kochen mit anderen Infarktpatienten stehen regelmäßig auf seinem Programm. Ein genau auf seine individuelle Leistungsfähigkeit abgestimmtes Ausdauertraining hilft seinem kranken Herzen wieder auf die Sprünge. Auch an einem Raucherentwöhnungskurs hat er teilgenommen und rührt seitdem keine Zigarette mehr an. Seine Frau hofft, dass das so bleibt; denn wer nach einem überstandenen Herzinfarkt weiterraucht, hat ein doppelt so hohes Risiko für einen zweiten Infarkt. Wenn Herr P. nach der Reha wieder nach Hause zurückkehrt, will er sich einer Herzsportgruppe anschließen. Denn inzwischen weiß man, dass für Patienten nach einem Herzinfarkt keinesfalls Schonung, sondern im Gegenteil regelmäßige körperliche Aktivität angesagt ist. Die Aufsicht durch einen geschulten Herztherapeuten stellt sicher, dass sich dabei niemand übernimmt. Durch diese Änderung seines Lebensstils kann Herr P. das Risiko, dass seine Arteriosklerose sich weiter verschlimmert und er womöglich einen Reinfarkt oder Schlaganfall erleidet, deutlich senken. Denn die meisten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben wir selbst im Griff: Neben Rauchen, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen (zu hohes LDL-Cholesterin, zu hohe Triglyzeride, zu niedriges HDL-Cholesterin) sind das in erster Linie Übergewicht, Bewegungsmangel und Diabetes. Auch Stress und Depressionen wirken sich ungünstig auf Herz und Kreislauf aus. Eigentlich muss man nicht bis zum ersten Herzinfarkt warten, um diese Risikofaktoren auszuschalten. Am besten, man bemüht sich schon vorher um eine herzgesunde Lebensweise. Dadurch beugt man der Entstehung einer Arteriosklerose nicht nur vor; sogar bestehende Ablagerungen in den Gefäßen können sich zurückbilden.

Rasche Hilfe fürs Herz

Dank moderner Medizintechnik überleben heute immer mehr Menschen einen Herzinfarkt. Die verstopfte Herzkranzarterie kann im Herzkatheterlabor mittels eines Ballonkatheters aufgeweitet und durch eine Gefäßprothese (Stent) offen gehalten werden. Dadurch lässt sich die Durchblutung wiederherstellen, sodass die Herzmuskulatur im Infarktgebiet nicht völlig abstirbt.
Wird bei einem Herzinfarkt nicht schnell genug eingegriffen, können während des Infarkts allerdings größere Bereiche des Herzmuskelgewebes zerstört wer­den. Das von der Blutversorgung abgeschnittene Muskelgewebe beginnt bereits nach 30 bis 45 Minuten abzusterben und ist dann unwiederbringlich verloren. Überlebt ein solcher Patient den Herzinfarkt, so vernarbt das abgestorbene Gewebe und kann sich nicht mehr wie das einst gesunde Muskelgewebe zusammenziehen. Der noch gesunde Teil des Herzens muss die ganze Pumparbeit leisten und wird dadurch mit der Zeit überlastet. So kann als Spätfolge des Infarkts eine Herzinsuffizienz (Herzschwäche) entstehen, die den Patienten in seiner Lebensqualität und Lebenserwartung deutlich einschränkt; denn das geschwächte Herz kann nicht mehr genügend Blut und Sauerstoff durch den Körper pumpen. Deshalb ist es wichtig, bei Beschwerden, die auf einen Herzinfarkt hindeuten, sofort den Notarzt zu rufen – lieber einmal zu viel als einmal zu wenig!

Kleiner Blutpfropf – verheerende Folgen

Bei den Blutgefäßen unterscheidet man Arterien (Schlagadern), die das Blut vom Herzen zu den Geweben und Organen transportieren, und Venen, die es zum Herzen zurückleiten. Schauplatz der Arteriosklerose sind die Arterien, denen die wichtige Aufgabe zukommt, unsere Organe und Zellen mit Blut und somit lebenswichtigem Sauerstoff zu versorgen. Die Innenschicht dieser Gefäße ist mit einem dünnen Häutchen, dem Endothel, ausge­kleidet. Dieses Häutchen spielt bei der Entstehung der Arteriosklerose eine entscheidende Rolle. Ist es gesund und intakt, so kann das Blut ungehindert hindurchfließen. Wird es dagegen geschädigt (z. B. durch zu hohen Blutdruck, Zigarettenrauchen oder auch im Rahmen natürlicher Alterungsprozesse), so können sich an den geschädigten Stellen Fettstoffe, Blut-, Bindegewebs- und Muskelzellen anlagern und mit der Zeit in die Gefäßwand einwachsen. So entstehen arteriosklerotische Ablagerungen, die man – ähnlich wie die unschönen Beläge auf unseren Zähnen – als „Plaques“ bezeichnet. Diese verengen mit der Zeit die Gefäße, was die Blut- und Sauerstoffversorgung der betroffenen Gewebe und Organe beeinträchtigt.
Es kann aber auch noch schlimmer kommen: nämlich dann, wenn eine solche arteriosklerotische Plaque aufbricht. Denn dann setzt sich an dieser Stelle ein Blutgerinnsel fest, das – je nach Größe – den Blutstrom völlig blockieren kann. Das Gewebe, das zuvor von dieser Arterie versorgt wurde, ist jetzt von der Sauerstoffzufuhr abgeschnitten und stirbt ab. Wenn das in den Herzkranzgefäßen (Koronararterien) passiert, die das Herz mit Sauerstoff versorgen, kommt es zum Herzinfarkt.

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Bei typischen Herzinfarktsymptomen nicht lange zuwarten!

Bei den typischen Warnsignalen eines Herzinfarkts sollte man nicht lange überlegen, sondern sofort den Notarzt rufen. Denn erstens handelt es sich hierbei um eine lebensbedrohliche Situation: Jeder dritte Herzinfarktpatient stirbt an einer durch den Infarkt ausgelösten Herzrhythmusstörung, ehe er in die Klinik kommt. Zweitens ist auch im Hinblick auf die Heilungsaussichten jede Minute kostbar: Je rascher mit der Herzkatheterbehandlung begonnen wird, umso besser sind die Überlebens- und Genesungs­chancen des Patienten.
So sehen die typischen Herzinfarktsymptome aus:

  • Heftiger Druck und beengende oder brennende Schmerzen in der Brust, die länger als 15 Minuten anhalten, oft verbunden mit Atemnot und Todesangst
  • Manchmal Ausstrahlung des Schmerzes in den ganzen Brustkorb, Schultern, Arme, Hals, Unterkiefer oder Oberbauch
  • Mögliche Begleitsymptome sind blasse, fahle Gesichtsfarbe, Übelkeit, Schwäche, Schweißausbruch, unregelmäßiger Puls
  • Der Schmerz ist unabhängig von Körperbewegungen oder der Atmung und verschwindet auch nach Einnahme von Nitroglyzerin (einem Medikament gegen Angina-pectoris-Beschwerden) nicht.

Bei Frauen, älteren Menschen und Diabetikern sind diese Symptome manchmal weniger heftig oder können auch völlig fehlen; dafür treten andere, uncharakteristische Beschwerden auf: Schwächegefühl, Schwindel, kalter Schweiß, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Erschöpfung und Rücken- oder Oberbauchschmerzen.

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Ernst zu nehmendes Warnsignal: Angina pectoris

Nicht immer trifft der Herzinfarkt einen Menschen unvorbereitet. Manchmal gibt es warnende Vorboten, die auf eine Durchblutungsstörung, also eine Engstelle in einem oder mehreren Herzkranzgefäßen, hinweisen. Die typischen Angina-pectoris-Be­schwerden (Engegefühl, Druck oder Brennen in der Brust), manchmal mit Ausstrahlung in Schultern und linken Arm, Unterkiefer oder Bauchraum, treten anfangs nur bei körperlicher Belastung – z. B. beim Treppensteigen – auf; denn im Ruhezustand reicht die Sauerstoffversorgung des Herzens trotz der Gefäßverengung noch aus.
Schreitet die Arteriosklerose jedoch fort, so macht sich die mangelnde Durchblutung des Herzmuskels auch schon bei geringen Belastungen (z. B. bei Aufregung) oder sogar in Ruhe bemerkbar. Wer unter solchen Beschwerden leidet, läuft Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, und gehört in ärztliche Behandlung. Bei einer stabilen Angina pectoris gibt es – je nach Schweregrad – verschiedene Behandlungsmöglichkeiten: Der Arzt kann die Arteriosklerose mit Medikamenten behandeln oder ähnlich wie beim Herzinfarkt die verengte Arterie aufweiten und einen Stent einsetzen. Er muss auch eine Bestandsaufnahme der Risikofaktoren des Patienten machen und diese konsequent behandeln.

Lebensrettender Ballon

Ein Herzinfarktpatient muss so rasch wie möglich in eine Klinik mit Herzkatheterlabor gebracht werden. Dort wird das durch ein Blutgerinnsel verstopfte Herzkranzgefäß mithilfe eines kleinen Ballons eröffnet. Dazu schiebt der Arzt unter Röntgenkontrolle einen dünnen Draht durch die Engstelle, über den ein zusammengefalteter Ballon in die blockierte Arterie eingebracht wird. Dann dehnt er den Ballon mit steriler Kochsalzlösung auf, sodass die Plaques an die Gefäßwand gepresst werden – und schon ist die lebenswichtige Blutversorgung des Herzmuskels wiederhergestellt. Zum Schluss wird der Ballon wieder herausgezogen und eine metallene Gefäßprothese (Stent) eingesetzt, um das Gefäß dauerhaft offen zu halten. Eine Operation ist dazu nicht erforderlich; der Katheter wird einfach über einen kleinen Hautschnitt in der Leiste über die Arterie bis zum Herzen vorgeschoben, und schon nach fünf bis sechs Stunden kann der Patient wieder aufstehen.
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Datum: 
27.03.2012