Frauenselbsthilfe nach Krebs Gruppe Esslingen

Ansprechpartner: 
Isolde Stadtelberger
Talstr. 48, 73732, Esslingen
Tel.: 07 11/ 37 13 73
E-Mail: stadtelberger@t-online.de

Die Arbeit des Arztes ergänzen

Die Selbsthilfe entstand erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Es brauchte Zeit, bis chronische kranke Menschen bereit waren, sich in der Öffentlichkeit zu ihrer Krankheit zu bekennen. Man schätzt, dass es heute in Deutschland um die 100 000 Selbsthilfegruppen gibt. Der mündige Patient will heutzutage eine aktive, eigenverantwortliche Rolle spielen. So tun sich chronisch Kranke und Behinderte in Gruppen zusammen, um dort ihre Erfahrungen mit der Krankheit und Therapie auszutauschen und sich gegenseitig zu beraten. Die Leistung der Selbsthilfegruppen ist inzwischen als eine wichtige Ergänzung zum professionellen Gesundheitssystem anerkannt. Wir sprachen mit der Leiterin der Selbsthilfegruppe „Frauen nach Krebs“ in Esslingen, Isolde Stadtelberger.

Frau Stadtelberger, wie würden Sie die Aufgabe der Selbsthilfe beschreiben?
Isolde Stadtelberger: Selbsthilfe ist, wenn Menschen, die an der gleichen Krankheit leiden – bei uns ist es Krebs –, sich gegenseitig stützen und Erfahrungen austauschen. Für mich ist vor allen Dingen wichtig, dass wir die Ängste, die durch die Diagnose Krebs entstehen, gemeinsam abbauen.

Wie sind Selbsthilfeorganisationen aufgebaut?
Isolde Stadtelberger: Wenn ich von der Frauenselbst­hilfe ausgehe, gibt es einen Bundesverband, also den Dachverband; darunter sind die Landesverbände organisiert, dann kommen die einzelnen Gruppen. Wir, unsere Gruppe hier, sind sozusagen ein verlängerter Arm des Landesverbands. Eine einzelne Gruppe kann nicht einfach tun, was sie will; sie muss sich an gewisse Spielregeln halten. Wir müssen auch immer daran denken, dass es sich bei den Geldern, die uns zur Verfügung gestellt werden, um Spendengelder handelt, die verantwortungsvoll eingesetzt werden müssen.

Lässt sich eine Selbsthilfegruppe mit einem beliebigen Verein vergleichen, beispielsweise einem Kegelverein?
Isolde Stadtelberger: Eindeutig nein. Bei uns geht es nicht um das Vergnügen, das zwar auch dazugehört; aber an allererster Stelle steht die Erkrankung von Menschen und dass wir ihnen helfen. Der Hauptgrund, weshalb wir uns treffen, ist der Austausch über unsere Krankheit. Wenn ein Patient einen Arzttermin hatte und nach Eröffnung der Diagnose Krebs die Praxis wie am Boden zerstört verlässt, was immer wieder vorkommt, braucht er Aufklärung und Unterstützung. Wir sagen ihm dann, dass er seine Krankheit akzeptieren muss. Das ist sehr wichtig, denn die meisten Betroffenen grübeln darüber nach, warum gerade sie an Krebs erkrankt sind. Aber das bringt nichts. Ich muss die Krankheit annehmen – muss lernen, damit zu leben. In der Gruppe wird aber nicht nur über die Krankheit gesprochen; wir sitzen auch gesellig beisammen oder wandern gemeinsam.

Wie helfen sich Ihre Gruppenmitglieder gegenseitig?
Isolde Stadtelberger: Das Leben nach Krebs ist anders als davor! Man sollte akzeptieren, dass man nach einer Krebserkrankung einfach ein bisschen anders tickt, bedingt durch die Angst und das Wissen, dass einen die Krankheit irgendwann wieder einholen kann. Innerhalb der Gruppe haben alle eine Krebserkrankung hinter sich, und schon allein der Gedanke, dass sich hier Menschen treffen, die alle im gleichen Boot sitzen, stützt und tröstet einen: Wenn man ein Problem hat oder in ein Loch fällt, wird man von den Gruppenmitgliedern besser verstanden als von jemandem, der nicht selbst betroffen ist.

Wie findet man eine Selbsthilfegruppe?
Isolde Stadtelberger: Zum Teil erfahren die Betroffenen es von Bekannten oder Nachbarn oder im Krankenhaus. Wir haben unsere Flyer in allen Krankenhäusern in Esslingen und im Kreis Esslingen ausgelegt. Man kann uns auch im Internet finden; die „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ hat eine Homepage, auf der alle Gruppen in Deutschland verzeichnet sind.

Sollte nicht der Arzt ausführlich mit Neupatienten reden?
Isolde Stadtelberger: Das kann der Arzt nicht leisten. Das wäre viel zu belastend für ihn. Dafür gibt es die Selbsthilfe. Außerdem kooperieren die Kliniken mit den Selbsthilfegruppen, damit die Patienten einen Anlaufpunkt haben, wo sie mit Menschen zusammentreffen können, die sie verstehen.

Wie sind Sie zur Selbsthilfe gekommen?
Isolde Stadtelberger: Indem ich selbst dreimal an Krebs erkrankt bin. Beim dritten Mal hatte ich fürchterliche Angst, ich sah schon mein letztes Stündlein vor mir. Und natürlich hatte ich das Bedürfnis, mich zu informieren, welche Therapiemöglichkeiten sich bieten, falls „es“ weitermacht. Ich habe mir viele Vorträge angehört und viel gelesen. Irgendwann empfand ich es ein wenig unbefriedigend, mir so viele Kenntnisse angeeignet zu haben – und das alles nur in der Hoffnung, sie nicht zu brauchen. Es macht mehr Sinn, dachte ich, diese Kenntnisse an andere weiterzugeben.
Die Selbsthilfegruppe in Esslingen bestand bereits, und so kam ich auf die Idee, mich hier einzubringen. Irgendwann wurde der Wunsch an mich herangetragen, die Leitung der Gruppe zu übernehmen.

Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich für die Selbsthilfe?
Isolde Stadtelberger: Man kann so etwas nur ehrenamtlich machen. Würde man es professionell machen, wäre der Sinn weg. Das Ganze ist mit viel Arbeit verbunden, doch man bekommt sehr viel an Dankbarkeit zurück.
Als ich die Sprechstunde am Esslinger Klinikum begann, habe ich mir vorgenommen: Wenn du ein Gespräch führst und dein Gegenüber am Anfang sehr traurig und den Tränen nahe ist und du es erreichst, dass die Patientin am Ende des Gesprächs „durchatmen“ und lächeln kann, dann war deine Arbeit gut. Und gerade dieses Lächeln ist mein Lohn.

Es scheint schwierig zu sein, innerhalb einer Selbsthilfegruppe Menschen zu finden, die ebenfalls eine aktive Rolle übernehmen wollen?
Isolde Stadtelberger: Das ist leider so. Die Gruppenteilnehmer hören sich gerne die Vorträge und Gespräche bei den Gruppentreffen an, doch selbst aktive Verantwortung zu übernehmen, dazu sind nur sehr wenige bereit. Ich habe allerdings im Augenblick zwei Frauen, die sehr interessiert daran sind. Ob sie freilich auf Dauer durchhalten – sie sind zwischen 40 und 50 Jahren alt –, weiß ich nicht, das muss man abwarten. Meine Tätigkeit hat laut der Satzung der „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ auch ein Ende. Ich kann diese Arbeit nicht machen, bis ich 80 bin, und das möchte ich auch nicht. In vier Jahren werde ich das Amt abgeben und hoffe, bis dahin jemanden gefunden zu haben, der weitermacht.

Hat Ihre Selbsthilfeorganisation auch Einfluss auf die Politik?
Isolde Stadtelberger: Die „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ ist die größte Organisation in Deutschland, was Krebserkrankungen betrifft, insbesondere Brustkrebs. Unsere Organisation ist so anerkannt, dass sie auch in den Fachausschüssen des Gesundheitsministeriums mitwirkt und gehört wird. Das ist für uns deshalb wichtig, weil wir auf diese Weise auch mithelfen können, Dinge zu verändern, die nicht so rund laufen.

Wie finanziert sich Ihre Arbeit?
Isolde Stadtelberger: Finanziell unterstützt uns neben der Deutschen Krebshilfe auch der Krebsverband Baden-Württemberg und die Krankenkassen mit ihren „Kassenübergreifende Gemeinschaftsförderung (Pauschalföderungen) nach § 20c SGB V“. Hierfür ist in Esslingen die AOK Neckar-Fils zuständig.

Wie gut ist die Zusammenarbeit mit Ärzten und Kliniken?
Isolde Stadtelberger: Da hat sich in den letzten Jahren vieles zum Positiven verändert, weil nach den S3-Leitlinien Kliniken und Ärzte nachweisen müssen, dass sie Verbindungen mit Selbsthilfegruppen pflegen. In den Kliniken ist das kein Problem. Bei den niedergelassen Ärzten wird es manchmal nicht so gerne gesehen, wenn Patienten einer Selbsthilfegruppe angehören. Ich kann das zum Teil auch verstehen, wenn eine Patientin zum Arzt kommt und sagt, in der Selbsthilfegruppe habe ich gehört, dass es dies und jenes gibt, und der Arzt für das Gespräch dann viel mehr Zeit braucht, als in seinem Arbeitsablauf einkalkuliert ist. Vielleicht macht ihm dies die Selbsthilfe nicht gerade sympathisch. Aber ich denke, auch das wird sich mit der Zeit ändern.

Geben Sie auch medizinische Ratschläge oder empfehlen Sie bestimmte Ärzte?
Isolde Stadtelberger: Nein, medizinische Ratschläge sind nicht unsere Aufgabe. Wir sagen den Patientinnen auch nicht: Gehe zu diesem Arzt und sonst zu keinem. Wir haben Adresslisten von niedergelassenen Ärzten, da kann sich die Betroffene einen Arzt aussuchen. Das Gleiche gilt auch für Kliniken. Allerdings weisen wir die Patientinnen darauf hin, dass sie im Falle einer Operation ausschließlich in ein zertifiziertes Krankenhaus gehen sollten. Darauf legen wir Wert, weil sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, dass Patienten in nicht zertifizierten Häusern nicht so operiert wurden, wie es hätte sein sollen.

Wird der Selbsthilfe auch in Zukunft eine wichtige Rolle zufallen?
Isolde Stadtelberger: Mit Sicherheit wird es immer notwendig sein, dass sich Menschen in Selbsthilfegruppen finden, um sich gegenseitig zu stützen. Allerdings müssen sich auch Leute finden, die die Selbsthilfegruppen leiten und am Leben erhalten. Das ist eine wichtige, aber leider nicht ganz so einfache Aufgabe.

Datum: 
21.06.2012