Diabetes-Kinder-Jugendliche

Besonders aggressiv
Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Unsere Kinder und Jugendlichen werden immer dicker. Laut Daten der Arbeitsgemeinschaft „Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ sind über 22 000 Kinder aus dem deutschsprachigen Raum extrem übergewichtig. Sie haben ein erhöhtes Risiko, bereits in jungen Jahren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes zu entwickeln. Eine neue Studie hat jetzt gezeigt, dass Menschen, die bereits im Jugendalter an Typ-2-Diabetes erkranken, eine besonders aggressive Form dieser Stoffwechselkrankheit entwickeln, der mit Medikamenten und Lebens­stil­änderungen kaum beizukommen ist.

Werner Waldmann

In einer amerikanischen Studie wurden rund 700 übergewichtige Jugendliche, die bereits im Alter von 10 bis 17 Jahren an Typ-2-Diabetes erkrankt waren, in drei verschiedene Behandlungsgruppen eingeteilt: Die erste erhielt den Blutzuckersenker Metformin, ein sehr gut wirksames Präparat, das auch bei erwachsenen Diabetikern oft als erstes Mittel gegeben wird. Die zweite Gruppe nahm Metformin in Kombination mit einem zweiten Antidiabetikum (Rosiglitazon) ein, das in Deutschland wegen Herz-Kreislauf-Risiken mittlerweile nicht mehr auf dem Markt ist. Die dritte Gruppe nahm Metformin und änderte zusätzlich ihren Lebensstil: Ein persönlicher Trainer brachte den Jugendlichen bei, kalorienreiche Nahrungsmittel zu meiden, sich ballaststoffreicher zu ernähren und 200 Minuten pro Woche Sport zu treiben.
Leider waren die Ergebnisse dieser Studie ziemlich niederschmetternd: Nur 50 % der jungen Patienten erreichten mit Metformin einen akzeptablen Blutzucker; und die Änderung der Lebensweise brachte keine zusätzliche Besserung – obwohl die Mehrzahl der Jugendlichen sich wirklich an die Vorgaben ihres Trainers hielt. Woher diese entmutigenden Resultate kommen, weiß man noch nicht genau. Man kann aber davon ausgehen, dass jemand, in dessen Familie gehäuft Typ-2-Diabetes aufgetreten ist, ein höheres Risiko hat, ebenfalls daran zu erkranken – und zwar oft schon in jungen Jahren. Und dabei handelt es sich dann häufig um eine besonders aggressive Diabetesform.

Kindern lernen von den Eltern
„Schon seit längerem weiß man, dass sich das Risiko bei Menschen, bei denen ein erstgradiger Verwandter (Vater, Mutter oder Geschwister) Diabetes hat, stark erhöht“, erklärt der Pressesprecher der Deutschen Diabetesgesellschaft, Prof. Dr. Andreas Fritsche. Das muss aber nicht unbedingt nur genetische Ursachen haben: Auch Umwelt und soziales Umfeld spielen bei der Entstehung dieser Stoffwechselkrankheit eine wichtige Rolle. „Die häufigs­ten Umweltfaktoren, die zu Diabetes führen können, sind zu hohe Kalorienaufnahme und zu wenig Bewegung“, sagt Prof. Fritsche. Und solche Verhaltensmuster werden eben leider oft von den Eltern an die Kinder weitergegeben.
Übergewicht ist aber nur ein Risikofaktor und nicht die Ursache des Diabetes; denn sonst würde jeder übergewichtige Mensch an Diabetes erkranken. Das ist aber nicht so. In letzter Zeit werden immer mehr Diabetes-Risikofaktoren bekannt: unter anderem Stress und zu wenig Schlaf. Manche Daten deuten sogar auf Luftverschmutzung als Diabetes-Ursache hin.
„Wir stellen uns das so vor, dass wir eine Umwelt haben, die die Grundlage für den Diabetes bildet. Dieses so genannte diabetogene Umfeld besteht aus Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, Übergewicht, Stress usw. Damit es dann aber wirklich zum Diabetes kommt, muss auch noch eine Störung der insulinproduzierenden Zellen vorliegen“, erklärt Prof. Fritsche. „Wenn man eine gesunde Bauchspeicheldrüse hat, die genügend Insulin produziert, können einem diese diabetogenen Umweltfaktoren nicht so viel anhaben – dann wird man vielleicht übergewichtig, bekommt einen Gelenkschaden an den Knien, aber keinen Diabetes. Wenn man aber eine schwache Bauchspeicheldrüse hat bzw. die Betazellen in der Drüse, die das Insulin produzieren, geschädigt sind, dann entsteht ein Diabetes.“ Warum es bei manchen Menschen zu dieser Schwächung der Bauchspeicheldrüse und Schädigung der Betazellen kommt und bei anderen nicht, muss erst noch erforscht werden.

Eine Krankheit mit vielen Gesichtern
Außerdem, meint Prof. Fritsche, darf man Diabetes-Patienten nicht alle über einen Kamm scheren, weil es viele Spielarten dieser Stoffwechselerkrankung gibt. „Das diabetogene Umfeld, der Betazellschaden und 40 bis 50 verschiedene Gene, die an der Diabetes-Entstehung beteiligt sind – diese vielen Faktoren ergeben bei jedem Patienten ein anderes Bild. Der eine ist schlank und bekommt trotzdem Diabetes (bei so einem Patienten steht die Schädigung der Betazellen im Vordergrund); wieder andere Diabetiker sind extrem übergewichtig, sodass die überzähligen Pfunde die Hauptursache darstellen – da gibt es Hunderte von Kombinationen.“ Daher darf man nicht bei allen Risikokandidaten die gleichen vorbeugenden Maßnahmen ergreifen. „Wir haben viele Patienten, die schlank sind und trotzdem ein erhöhtes Diabetes-Risiko haben. Denen können wir keine Abnehm-Diät empfehlen, weil sie gar nicht mehr abnehmen dürfen.“
Das Gleiche gilt für die Therapie: „Einen Patienten, der an einer Verfettung der Leber und Entzündungen im Körper leidet, muss man ganz anders behandeln als einen, der eine schwache Bauchspeicheldrüse hat“, erklärt Prof. Fritsche. „Bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsenproblemen greift man wahrscheinlich schneller zu Medikamenten als bei einem Patienten mit verfetteter Leber; bei Leberverfettung wiederum hilft Bewegung besonders gut. Wenn ein Patient dagegen zu viel Bauchfett hat, geben wir ihm bestimmte Ernährungstipps wie z. B. mehr Ballaststoffe zu essen. Wir versuchen möglichst individuell auf die Patienten einzugehen.“

Hohes Risiko bei sozial benachteiligten Kindern
Studien zeigen, dass Kinder aus Problemfamilien (Migrantenhintergrund, Armut usw.) ein besonders hohes Diabetesrisiko haben. Woran liegt das? „Ein ursächlicher Faktor ist sicherlich, dass diese Kinder mehr Stress haben. Außerdem müssen unsere Gene zu unserer Umwelt passen: Der Eskimo ist an die Lebensverhältnisse in Grönland angepasst, der Japaner an Japan und ein Spanier oder Italiener an den Mittelmeerraum. Wenn jemand nun in eine andere Essens- und Lebensumwelt (z. B. nach Deutschland oder Amerika) kommt, kann es sein, dass die dort herrschende ungesunde Lebens- und Ernährungsweise für diesen Menschen aufgrund seines anderen genetischen Hintergrunds doppelt schädlich ist.“
So weiß man beispielsweise schon lange, dass Japaner, die in die USA auswandern, ein sehr hohes Risiko tragen, einen Herzinfarkt zu erleiden; und ein türkischstämmiges Kind, das nach Deutschland auswandert, hat eben ein besonders hohes Diabetesrisiko.
Was sollen Eltern tun, deren Kinder schon im Jugendalter an Typ-2-Diabetes erkranken? „Ich empfehle dringend, diese Kinder in einer Diabetes-Spezialeinrichtung vorzustellen, weil sie aufgrund ihrer aggressiven Diabetesform besonders intensiv betreut werden müssen. Denn wenn es nicht gelingt, ihren Blutzucker zu normalisieren, haben sie eine sehr geringe Lebenserwartung und ein hohes Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Folgekrankheiten des Diabetes zu entwickeln. Wir haben an der Kinderklinik und der Medizinischen Klinik des Tübinger Universitätsklinikums eine spezielle Diabetes-Adipositas-Sprechstunde.“

Früherkennung und Therapie
Aber woran merken Eltern überhaupt, ob ihr Kind ein erhöhtes Diabetesrisiko hat oder vielleicht sogar bereits an dieser Stoffwechselkrankheit leidet? Gibt es sinnvolle Früherkennungsmaßnahmen?
„Hellhörig werden sollte man bei Kindern mit starkem Übergewicht oder positiver Familienanamnese – wenn in der Familie also schon gehäuft Diabetesfälle aufgetreten sind. Zur Früherkennung bei Erwachsenen eignen sich Risikofragebögen, die Körpergewicht, Familienanamnese und bestimmte Lebensgewohnheiten abfragen. Sehr gut ist zum Beispiel der Deutsche Diabetes-Risiko-Test. Diese Fragebögen kann man im Internet herunterladen. Wenn jemand in diesem Fragebogen eine hohe Punktzahl hat, dann reicht ein Blutzuckerwert, nüchtern abgenommen, oder ein Langzeitblutzucker- oder Zuckerbelastungstest, um den Verdacht zu bestätigen. Leider sind solche Fragebögen noch nicht speziell für Kinder entwickelt worden. Aber Übergewicht und Migrationshintergrund sind wohl die zwei Haupt-Risikofaktoren bei Kindern.“
Und wie sieht die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit erhöhtem Diabetesrisiko aus? Ist es für sie denn kein Problem, schon in jungen Jahren regelmäßig Medikamente einnehmen oder Insulin spritzen zu müssen?
„Das Beste ist natürlich immer, es ohne Medikamente zu schaffen. Jeder verantwortungsvolle Arzt wird es zunächst einmal mit Lebensstilmaßnahmen versuchen. Aber man weiß eben leider, dass das bei manchen Patienten nicht ausreicht; und dann muss man zu Medikamenten greifen. Heutzutage wird in erster Linie Metformin gegeben; aber das hilft nach der amerikanischen Studie nur ungefähr bei der Hälfte der Patienten.“
Wenn Metformin und Lebensstiländerung nicht wirken, bieten sich verschiedene Therapiemöglichkeiten an. Diese Frage wird unter Diabetologen heiß diskutiert: „Greift man dann gleich zum Insulin, oder versucht man es mit einem Glitazon oder mit neuen Antidiabetika wie beispielsweise Exenatide? Da gibt es viele Meinungen und wenig harte Daten, weil viele dieser Medikamente noch zu kurz auf dem Markt sind und wir nicht wissen, was die Langzeitdaten zeigen werden. Ich würde bei so einem
Kind eher zum Insulin greifen, weil wir dieses Medikament mitsamt seinen Vor- und Nachteilen jetzt schon seit fast 100 Jahren kennen. Aber auch da lautet das Ziel: so wenig wie möglich. Man kann sogar versuchen, nur eine Zeitlang Insulin zu geben und es dann wieder abzusetzen.“

Die Deutschen: ein Volk von Übergewichtigen?
Sind unsere Kinder denn wirklich so viel dicker als früher? Manche Leute sagen: Das stimmt alles gar nicht, die Medien übertreiben wie immer maßlos. Andererseits muss an dieser Aussage aber doch etwas Wahres sein; denn sonst hätte die Häufigkeit des Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen ja nicht so drastisch zugenommen.
„Im Durchschnitt sind wir schon übergewichtiger als früher“, meint Prof. Fritsche. „Aber wenn ich die Daten des Robert-Koch-Instituts richtig interpretiere, dann gibt es heute eine Gruppe extrem übergewichtiger Menschen; und die anderen sind gar nicht so viel dicker geworden. Man sollte auch nicht so sehr auf das Gewicht schauen, sondern auf die Gewichtsverteilung. Es gibt eben Menschen mit ungünstiger Körperfettverteilung; wieder andere haben das Glück, übergewichtig zu sein, aber eine günstige Fettverteilung zu haben.“
Besonders gefährlich für Herz, Kreislauf und Stoffwechsel ist das bauchbetonte Übergewicht, das im Erwachsenenalter bei Männern besonders häufig vorkommt, während Frauen ihre überzähligen Pfunde eher an Hüften und Po ansetzen.
Und wie sieht es bei Kindern und Jugendlichen aus? „Vor der Pubertät kommt diese gefährliche Form des Übergewichts noch nicht so häufig vor; erst danach beginnen Bauch- und Leberfett zuzunehmen.“ Für solche Risikokinder mit extremem Übergewicht und/oder Diabetes ist nicht nur eine gezielte ärztliche Behandlung wichtig; auch Rehamaßnahmen können helfen, sie auf Abnehmkurs zu bringen und ihnen eine gesunde, gewichtsbewusste Lebensweise zu vermitteln. Für diese Kinder gibt es spezielle Rehakliniken und psychologisch betreute Programme – ein Angebot, das Eltern unbedingt nutzen sollten, um ihren Kindern die Chance auf eine gute Zukunft zu bieten. Denn stark übergewichtige Jugendliche haben nicht nur eine kürzere Lebenserwartung und schlechtere Lebensqualität, sondern werden in der Schule auch öfter gemobbt und finden schwerer einen guten Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.
Trotzdem werden leider immer weniger Reha-Anträge für chronisch kranke Kinder und Jugendliche gestellt, klagt Hubert Seiter, Chef der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg. Viele Eltern gerade aus sozial schwachen Familien schrecken davor zurück, weil dann der Hartz-IV-Ernährungszuschuss von 130 Euro für das betreffende Kind sechs Wochen lang wegfällt – ein sehr kurzsichtiges Verhalten, meint Prof. Fritsche: „Denn die Zukunftsprognose dieser Kinder ist so schlecht, dass man wirklich alles tun sollte, damit sie das 30. oder 40. Lebensjahr erreichen.“