Adipositaschirurgie: Keine Wunderwaffe!

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Für stark übergewichtige Menschen, denen es nicht gelingt, mit konservativen Gewichtsreduktionsmethoden abzunehmen, bietet sich die Möglichkeit eines operativen Eingriffs an. Es gibt verschiedene Operationsmethoden, mit denen man den Magen verkleinern und das Hungergefühl reduzieren kann. Bei vielen Patienten, die sich solchen Eingriffen unterzogen, wurde beobachtet, dass sie dadurch nicht nur ihr Übergewicht loswurden: Als „positive Nebenwirkung“ normalisierten sich bei übergewichtigen Patienten, die an Typ-2-Diabetes litten, nach der Operation auch die Blutzuckerwerte. Orale Antidiabetika bzw. Insulin konnten eingespart oder sogar ganz abgesetzt werden.

Autor: Marion Zerbst/Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie

Diesen Effekt, der vor allem bei den invasiveren Operationsmethoden (z.B. Magenbypass, Schlauchmagen) zu beobachten ist, führen Mediziner darauf zurück, dass es neben der verminderten Nahrungszufuhr und der Gewichtsreduktion auch zu Veränderungen in der Ausschüttung bestimmter Darmhormone kommt, die den Diabetes beeinflussen. Deshalb bessert sich der Diabetes bei solchen Eingriffen oft sogar schon vor einer größeren Gewichtsabnahme.

Allerdings war der optimistische Glaube, mit solchen Eingriffen gewissermaßen „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ zu können, vielleicht doch etwas voreilig. Eine US-amerikanische Langzeitstudie hat nämlich inzwischen gezeigt, dass der Diabetes bei einem Fünftel der Operierten nach drei bis fünf Jahren wieder auftritt. In einer rückblickenden Analyse untersuchten die Autoren dieser Studie Daten von Patienten, die sich im Zeitraum von 2000 bis 2007 in der Mayo Clinic Arizona/USA einer Magenbypass-Operation unterzogen hatten. Von 138 Patienten mit Diabetes mellitus wurden 72 mindestens drei Jahre lang nachbeobachtet. Von 66 Patienten, deren Diabetes nach der Operation verschwunden war, trat dieser bei 14 wieder auf: bei 5 nach zwei Jahren und bei jeweils 3 nach drei, vier und fünf Jahren. Je länger der Diabetes vor der Operation bestanden hatte, desto wahrscheinlicher war ein Wiederauftreten. Die Experten diskutierten deshalb unter anderem, früher zu operieren.

OP – ja oder nein? Ein Abwägungsprozess

Professor Dr. h. c. Helmut Schatz, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, empfiehlt, zunächst die Ergebnisse bei größeren Patientenzahlen nach längeren Zeiträumen abzuwarten. Denn einerseits könne sich der Diabetes durch eine Operation zwar zurückbilden oder zumindest mehr oder weniger lange bessern. Dadurch könnten auch mögliche diabetische Folgekrankheiten wie Erblindungen, Nierenversagen, Herzinfarkte und Schlaganfälle vermindert oder sogar verhindert werden. Dies werden aber erst Langzeitstudien zeigen können, wobei das Überleben letztlich der härteste Parameter sein wird. Auf der anderen Seite stünden die nicht unerheblichen, kurz- und vor allem langfristigen Folgen einer nicht mehr rückgängig zu machenden Operation für den Diabetespatienten. Direkt nach der OP kann es zu einem Auseinanderweichen der Wundränder (Nahtinsuffizienz) im Operationsgebiet und zu Fisteln kommen. Als Folge der Gewichtsabnahme besteht ein erhöhtes Gallensteinrisiko. Zudem können Verwachsungen entstehen. Langfristig muss man auf Defizite im Vitamin- und Nährstoffhaushalt achten und diese ständig ausgleichen. Als wichtig hat sich außerdem ein stabiles soziales Umfeld erwiesen. Auch der operierte Patient sollte psychisch stabil sein.

Literatur:

(1) Helmut Schatz: Bariatrische Chirurgie im Vergleich zu medikamentöser Therapie bei übergewichtigen Typ-2-Diabetespatienten (Blog-Beitrag vom 2. April 2012)
(2) Yessica Ramos et al.: Type 2 Diabetes Mellitus Re-Emergence Post Gastric Bypass Surgery (Abstract)

Datum: 
17.07.2012